Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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gedrängt sehen wollte, desto mehr Freiheit musste er dem academischen Religionsunterrichte Seitens der theologischen Professoren eingeräumt wünschen.

Ueber die religiöse Lehrfreiheit spricht sich Kant überhaupt sehr ver- schieden aus.

Einerseits soll die Regierung die moralische Pflicht haben, dem Volke zur reinen Religion zu verhelfen und die freie Entwicklung des Vernunftglaubens zu fördern ¹⁴), ande- rerseits soll sie die Geistlichen auf die kirchlichen Symbole und die academischen Theo- logen auf die Bibel verpflichten.**) Einerseits soll sie es den Unterthanen selbst überlassen, wie sie ihre Seligkeit erlangen, andererseits soll sie Partei nehmen gegen den Materialismus, Orthodoxismus, Mysticismus und das Sectenwesen. ⁴⁰) Einerseits werden die Geistlichen, welche am Statutarischen und Historischen festhalten, mit dem schmeichelhaften NamenPfaffen bezeichnet und wird jenes Festhalten selbst geradezu Heidenthum, Fetischismus u. s. w. genannt, ande- rerseits sollen ihnen durch die Verpflichtungsformeln die Flügel wieder gestümpft werden. Wie denkt sich Kant überhaupt einen religiösen Fortschritt zur Vernunftreligion möglich, wenn der ganze geistliche Stand vom Universitätsprofessor bis zum Dorfpfarrer in spanische Stiefeln eingeschnürt sein soll? Erwartet er etwa alles Heil von der philosophischen Facultät oder von der theologischen Literatur, da er dieser allein freie Meinungsäusserung gestattet? Glaubt er, die Philosophen würden sich eingehends mit Bibelkritik befassen,(und eine oberflächliche kann doch, wie alles Oberflächliche in der Wissen- schaft, nichts nützen) oder die theologische Literatur würde die Wirkung der münd- lichen Rede, namentlich des academischen Vortrags, ersetzen? Hätte Kant mehr Respect vor der Theologie gehabt, oder hätte er einige Decennien später gelebt, würde er so gering- schätzig nicht von der theologischen Facultät gedacht und geschrieben haben.

Schluss.

Ziehen wir das Resultat, so dürfen wir wohl behaupten, dass Kants Ansichten über den Religionsunterricht weder in theoretischer noch in praktischer Hinsicht befriedigen. Religion und Christenthum sind mehr als Moral.Gott erscheint, wie Dorner sagt, bei Kant als ein Fremder. Von Thaten Gottes und von Pflichten und Liebe gegen ihn, kurz von einem persönlichen Verhältnisse zwischen ihm und dem Menschen ist bei Kant nirgends die Rede. Uebernatürliche Offenbarungen, Wunder und Gnadenacte Gottes werden bald zuge-

44) Die Religion innerhalb der Grenzen der blosen Vernunft, III. Stück, 2. Abth. Vergl. den Aufsatz: was heisst: sich im Denken orientiren?

⁴⁰) Kant, über die Frage: Was ist Aufklärung? Streit der Facultäten, 1. Abschnitt, A.

¹6) Ueber den Streit der Facultäten, 1. Abschnitt.