— 23—
geben, bald negirt. Im Grunde ist jeder Mensch, trotz des radikalen Bösen in ihm, sein eigener Erlöser und bedarf eigentlich keines Heilandes. Der Werth des Gebets, der h. Schrift, des Kirchenbesuchs und der Gnadenmittel wird bei der Kant'schen Auffassung ganz illusorisch. Das Ziel der Kirche soll die allgemeine Befolgung der moralischen Gesetze sein, mit völliger Hintansetzung des Historischen und Statutarischen im Christenthume, was praktisch zu einer völligen Gleichgültigheit gegen den Herrn der Kirche und seine Stiftung führen würde.
Ebenso, wie das Wesen der Religion und des Christenthums, verkannte unser Philosoph die Bedürfnisse der Jugend und der Gemeinde. Der Religionsunterricht muss mehr als Sittenlehre und die Predigt mehr als ein moralischer Vortrag sein. Nicht das Pflicht- gefühl. sondern„die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.“ Ein Religionsunterricht ohne biblische Geschichte und ohne Gottseligkeitslehre würde weder Gott noch den Kindern gefallen und aus ihnen höchstens altkluge Moralisten, aber keine wahren Christen machen.
Streben nach Vernunftreligion und Beschränkung der Lehrfreiheit durch Festhal- tung der kirchlichen Symbole sind sich widersprechende Begriffe.
Können wir uns wundern, dass der Verbreiter solcher Ansichten der Führer des Rationalismus wurde, den er bekämpfen wollte? Zwar spricht er in seiner Schrift„Das Ende aller Dinge“(1794) von der Liebenswürdigkeit und Dauerhaftigkeit des Christen- thums, aber er selbst hat es uns weder als liebenswürdig noch als dauerhaft dargestellt. Es bedurfte erst eines theologischen Genius wie Schleiermacher, um das Christenthum wieder zu Ehren zu bringen.
Aber bei alle dem wollen wir doch nicht verkennen, dass Kant einerseits trotz seiner scharfen Kritik der sog. Beweise vom Dasein Gottes den Glauben an Gott, Freiheit und Unsterblichkeit in sein gutes Recht eingesetzt und damit die wich- tigsten Sätze der Religion fest begründet, andererseits dem seelenlosen Orthodoxismus und dem vernunfttödtenden Mysticismus gegenüber einmal wieder auf die gesunde Vernunft und Kritik verwiesen und dem Pharisäismus und dem Heidenthume aller Zeiten die christliche Moral vorgehalten hat, welche doch jederzeit der Prüfstein für die Lauterkeit aller kirchlichen Parteien bleiben muss. Das Christenthum ist nicht, wie Kant wähnte, blos Moral, aber ohne Moral gibt es kein Christenthum, das zwar ver- schiedene Lehrmeinungen, aber keine Sitten- und Lieblosigkeit verträgt. Auf diesen letzten Satz als ewige Wahrheit in einer Zeit vielfacher Verirrun-⸗ gen wieder aufmerksam gemacht und damit zugleich die christliche Toleranz zum Prinzip erhoben zu haben, bleibt das unvergessliche Verdienst unseres Kant, auf den wir uns nicht blos der Orthodoxie, sondern auch dem Materialismus und Atheismus unserer Tage gegenüber als auf den grössten Philosophen der Neuzeit berufen können.
Druckfehler.
Seite 2, Zeile 4 von oben lies:„dies“ statt das.— 8. 3, Z. 5 v. u. lies:„guten“ statt Guten.— S. 5, Z. 5 v. o. lies„wieder“ statt aber.— S. 7, Z. 1 v. o. lies„Siege“ statt Sieg.— Z. 6 v. u. lies: ihn„nicht“ lieben statt: ihn lieben.— Z. 7 v. u. lies:„unserer“ statt unsere.— S. 8, Z. 3 v. o. lies:„hier“ statt hiervon.— Z. 8 v. o.:„aber“ statt auch.— Z. 24 v, o. lies„danach, aus“ statt aus.— S. 12, 2Z. 15 v. u. lies„wohl“ statt schön.— S. 16. Z. 10 v. o, lies„Bewusstsein“ statt Bewustsein.


