Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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zu kleiden, so lehrt man sie kurze Gebetchen, da es doch besser ist, dass sie auswendig- gelernte Gebete sprechen, als gar keine. Das Kind verhält sich ja überhaupt noch receptiv, muss noch sonst Mancherlei lernen, was es erst später versteht; aber das begreift es doch, dass es sich bei'm Beten um Religion, um eine Ansprache an Gott handelt, und ist daher andächtig und fromm, frömmer oft, als wir mit unseren geläuterteren Begriffen sind. Die Religion ist die geistige Milch der Kinder, und Religion ist nicht denkbar ohne Gott und ohne Gebet zu Gott. Ein Kind, das aufwächst in frommer Liebe zu seinem himmlischen Vater, scheut eben deshalb auch das Böse. Wenigstens versteht es die 10 Gebote viel besser, als alle Vorstellungen von Moralgesetz, Pugend, Menschenwürde, Selbstverachtung und der- gleichen abstracte Begriffe. Ist doch ebenso bei den Naturvölkern auf der Stufe ihrer Kind- heit die Religion der Moral vorangegangen: die letztere allein ist nur die Richtschnur der Philosophen gewesen. Die Moral der Religion, getrennt von ihr und so abstract, wie Kant es vorschlägt, voranschicken, würde nicht allein die natürliche Ordnung umkehren und den Begriff des Religionsunterrichts aufheben, sondern auch unsere Kinder schon altklug machen.

Ebenso wenig darf man den Kindern, was heute noch Manche wollen, die biblische Geschichte nehmen oder der Moral erst nachfolgen lassen. Jeder Pädagog weiss, wie gern sie Erzählungen haben, und wie gern sie namentlich die biblischen Geschichten, die so einfach und darum so rechte Kinderspeise sind, sich erzählen lassen und wieder erzählen. Wie eine Aesop'sche Fabel den Kindern die Moral begreiflicher macht, als die nackte Sittenlehre, so thut dies auch die biblische Geschichte. Ausserdem lernen sie dadurch ja auch die Thaten Gottes in der Geschichte, die Entwicklung des Reiches Gottes auf Erden und die Entstehung der Religion kennen, in der sie getauft sind, wie es denn in Wirklichkeit keine Religion an sich, sondern nur eine geschichtlich vermittelte Religion gibt und selbst der Philosoph, wenn- gleich unbewusst, unter dem Einflusse einer solchen steht.

Es scheint freilich, als ob die Kinder nach Kant in ihrer Religion gar nicht unter- richtet werden sollen, da er in der Pädagogik mit keinem Worte des Christenthums oder Christi oder der christlichen Kirche erwähnt und den Kindern mehr negative, als positive Religionsbegriffe beigebracht wissen will. In der That passt das, was Kant über den Reli- gionsunterricht bei Kindern sagt, ebenso auf jüdische und türkische Kinder wie auf christ- liche, da ja der eine Gott und die allgemeine menschliche Moral allen monotheistischen Re- ligionen eigen sind. Nun wird er wohl an die religiöse Erziehung türkischer Kinder aus nahe liegenden Gründen nicht gedacht haben, an die jüdischer auch nicht, weil er ja das Judenthum gar nicht als Religion anerkennt:*) folglich bleibt nur die christlicher Kinder übrig. Sollten diese aber nicht sofort etwas von dem Herrn Christus hören, auf dessen Namen sie getauft sind und von dem doch wohl auch einmal in ihrer Gegenwart gesprochen wird, dessen Geburts- und Auferstehungsfest sie mitfeiern? Sie sollten in der lieben Weih- nachtszeit am heil. Abend von dem Christkinde sprechen hören und Gaben empfangen, ohne zu erfahren, wer dieses Christkind sei?Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht! spricht Christus. Was sollen wir denn den Kindern im Religionsunterrichte lehren, wenn keine biblische Geschichte, keine Glückseligkeitslehre, keine Gebete? Das wären ja so starke Negationen, dass man gar nicht weiss, was übrig bleiben soll. Soll etwa blos

²s) Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft, 3. Stück.