Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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um jenen Gesetzen Effect zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom blossen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäss gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gottes Gebote sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind.*⁵⁵)

So Kant. Aber wie? Ist es wirklich das moralische Gesetz in uns, durch das wir allein zum Gottesbegriffe kommen? Gelangen nicht weitaus die meisten Menschen viel- mehr durch den Schluss von der Natur auf ihre Ursache zur Gottesidee, zumal das Gewissen oder das Bewustsein des moralischen Gesetzes in uns bei Vielen durch die Sünde und die natür- liche Rohheit getrübt ist? Sagt doch Kant selbst:Die Welt muss aus einer Idee ent- sprungen vorgestellt werden. Beweisend im strengen Sinne des Wortes ist ja weder der moralische noch der kosmologische Ursprung der Gottesidee: denn es gibt, wie Kant be- wiesen hat, keine Beweise vom Dasein Gottes. Wenn es nun, auch für den Philosophen, verschiedene Wege gibt, auf denen man zum Glauben an eine Gottheit gelangt, und wenn doch dieser Glaube eine moralische Gewissheit für uns ist, warum soll man in der Erziehung immer denselben Weg gehen, den Kant gegangen ist, und die Gottesidee in den Kindern erst auf dieselbe Weise entstehen lassen, statt sogleich mit der Gottesidee, die doch, wenigstens für den Glauben, feststeht, in der religiösen Erziehung zu beginnen? Frei- lich, wenn sie uns nicht zu einer Glaubensgewissheit geworden ist,(und so scheint es fast nach manchen Stellen bei Kant, indem er an die speculative Gewissheit denkt) dann dürfen wir sie der Jugend nicht allein nicht vor der Moral, sondern vielmehr gar nicht lehren. Aber eine Idee, welche sich bei den meisten Völkern findet, von der auch Kant, trotz seiner skeptischen Natur, in manchen Stellen so überzeugt spricht, ohne welche Religion und religiöse Erziehung gar nicht denkbar wären, darf wohl allgemein als so berech- tigt(freilich nur für den Glauben) angenommen werden, dass man von ihr aus getrest die Religionslehre beginnen kann.

Wie überzeugt und bestimmt sich aber unser Philosoph selbst über das Dasein Gottes ausspricht, mögen folgende Stellen beweisen:

In der Kritik der reinen Vernunft sagt er: ³⁵⁶)Wenn ich höre, dass ein nicht gemeiner Kopf die Freiheit des menschlichen Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens und das Dasein Gottes wegdemonstrirt haben sollte, so bin ich begierig, das Buch zu lesen, denn ich erwarte von seinem Talente, dass er meine Einsichten weiter bringen werde. Das weiss ich schon zum Voraus völlig gewiss, dass er nichts von alle diesem wird geleistet haben, nicht darum, weil ich etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein glaubte, sondern weil mich die transcendentale Kritik, die mir den ganzen Vor- rath unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt hat, dass, so wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglich ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über diese Fragen etwas verneinend behaupten zu können. Denn wo will der angebliche Freigeist seine Kenntniss hernehmen, dass es z. B. kein höchstes

35) A. a. 0. ³⁶) Kants Kritik der reinen Vernunft, II. Methodenlehre, 1. Hauptstück, 2. Abschnitt.