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so brauchte er nicht einmal so viele Rücksichten auf das Christenthum zu nehmen, sondern nur consequent zu sein. Aber auf der einen Seite soll die Vernunft zum bestimmten Urtheile über transcendentale Dinge incompetent sein, auf der anderen Seite wieder Alles verwerfen dürfen, was über die Vernunft hinaus geht. Auf der einen Seite will Kant nichts zulassen, was die Vernunft nicht begreifen kann, wie übernatürliche Offen- barung, Wunder, Gnadenacte Gottes, Erhörlichkeit des Gebets, Gnadenmittel, Auferstehung des Leibes, auf der anderen Seite nimmt er doch selbst unbewiesene und unbeweisbare, ja von ihm selber für unbegreiflich erklärte, über unsere Vernunft hinausgehende Dinge an, wie Willensfreiheit, Gott, Unsterblichkeit, Sündenfall, Erbsünde, Wiedergeburt, Incarnation des Sohnes Gottes und Sündlösigkeit desselben. Der Wunsch der Glückseligkeit soll jedem Men- schen angeboren sein, und dennoch soll er sich so verhalten, als wenn er gar nichts davon wüsste. Die h. Schrift soll Autorität sein und keine Kritik erleiden, und doch soll man es mit ihrem historischen Inhalte machen dürfen, wie man will, und nach Belieben dies und jenes in ihr verwerfen.
Aber abgesehen von diesen Widersprüchen leidet Kants Religionsanschauung an einer Unbestimmtheit und Allgemeinheit, die sonst in seinen Bearbeitungen exacter Wis- senschaften und in der Kritik der reinen Vernunft Kants Fehler gewiss nicht waren. Nach Weglassung alles dessen, was über Bord geworfen wird, bleibt fast nichts übrig als die Moral, durch die aber keine Religion geschaffen wird. In der Schrift„Streit der Facul- täten“(Anhang zum 1. Abschnitt) schreibt Kant geradezu:„Religion unterscheidet sich nicht der Materie nach in irgend einem Stücke von der Moral, denn sie geht auf Pflichten überhaupt; sondern ihr Unterschied von dieser ist blos formal d. i. eine Gesetzgebung der Vernunft, um der Moral durch die aus dieser selbst erzeugte Idee von Gott auf den mensch- lichen Willen zu Erfüllung aller seiner Pflichten Einfluss zu geben.“ Auch dieser formale Unterschied der Religion von der Moral ist hinfällig, wenn wir sehen, wie wenig Einfluss der Idee von Gott auf den menschlichen Willen in der Religionslehre Kants eingeräumt wird, wie schön zwar in der Theorie die Heilsthaten Gottes anerkannt, aber wie geflissentlich sie auch aller praktischen Triebkraft entkleidet werden. Kurz, es bleibt bei der reinen Moral, die ganz unabhängig ist von der Religion.
Das ist weder die Idee Christi gewesen, noch irgend eines anderen Religionsstif- ters. Denn wie man immer den Begriff von Religion fassen mag, so drückt er doch irgend eine Beziehung des Menschen zur Gottheit aus. Eine Religion aber, in welcher diese zurück. tritt, in welcher Gott eigentlich nur für das Jenseits da ist, um die Würdigkeit und die Glück- seligkeit in Einklang zu bringen, was er schon hier thun könnnte und wirklich thut, in welcher der Mensch ganz und gar keine Pflichten gegen Gott hat und nicht einmal zu ihm beten darf, d. h. beten im eigentlichen Sinne des Wortes, in welcher der Mensch handeln soll, wie wenn Gott gar nichts für ihn gethan hätte, eine solche Religion ist gar keine Religion, sondern nur eine allgemeine, philosophische Moral.
Dabei wollen wir aber nicht übersehen, welche richtige und treffliche Idee unserem Philosophen bei seiner Religionslehre vorschwebte. Er wollte der einseitigen und die Moral zu wenig berücksichtigenden Orthodoxie, diesem modernen Pharisäismus, die christ-


