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Erhörlich sei kein Gebet, das nicht einen moralischen Gegenstand habe. Ja selbst das Gebet um übernatürliche Unterstützung bei der Wiedergeburt könne man so wenig für erhörlich halten, dass man eher Ursache habe, das Gegentheil anzunehmen, d. h. dass Gott es seiner Weisheit nicht gemäss finden werde, unseren selbstverschuldeten Mangel über- natürlicher Weise zu ergänzen. Das Vaterunser wird als Mustergebet hingestellt, weil es sich eben nur auf moralische Dinge bezöge; denn die Bitte um das tägliche Brot, d. h. um Erhaltung für einen Tag, sei mehr das Bekenntniss eines thierischen Bedürfnisses, d. i. dessen, was die Natur in uns, als eine überlegte Bitte dessen, was der Mensch wolle.
Das öffentliche Gebet im Gottesdienste habe blos einen erbaulichen und sittlich anregenden Zweck, ohne dass man das höchste Wesen bei der Anrede zu vergegenwärtigen habe. ²⁶)
Das Kirchengehen sei unsere kirchliche Bürgerpflicht und ein zur Erbauung der Einzelnen anzupreisendes Mittel, die Taufe die feierliche Aufnahme in die Kirchenge- meinschaft, die Communion„ein gutes Mittel, eine Gemeinde zu der darunter vorgestellten sittlichen Gesinnung der brüderlichen Liebe zu beleben“, aber eben so wenig, wie jene beiden, ein Gnadenmittel.
Dass man an Gnadenmittel als erkünstelte Selbsttäuschungen in Religionssachen denke, komme daher, weil es leichter sei, ein Favorit, als ein pflichttreuer Diener Gottes zu sein, leichter, Herr Herr zu sagen, als den Willen des himmlischen Vaters zu thun, leichter, sich der Frömmigkeit(einer passiven Verehrung des göttlichen Gesetzes) als der Tugend (der Anwendung eigener Kräfte zur Beobachtung der von ihm verehrten Pflicht) zu befleissi- gen. Da man noch nicht gesehen habe, dass die sog. Auserwählten es dem natürlichen ehr- lichen Manne im Mindesten zuvorthäten, so beweise dies,„dass es nicht der rechte Weg sei, von der Begnadigung zur Tugend, sondern vielmehr von der Tugend zur Begnadigung fort- zuschreiten.“
Hiermit schliesst„die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft“, deren Refrain war: Religion ist Moralität, und, was darüber, ist vom Uebel. Dies letzte Werk Kants bringt also nichts positiv Neues: denn auch die Tugendlehre und die Kritik der prak- tischen Vernunft hatten die Moral als das Höchste gepriesen. Nur wird die Moral in jenem Religion genannt.
Von Gott aber und Unsterblichkeit ist in dieser Religion so wenig die Rede, dass diese beiden Begriffe aus der Kant’schen Trias recht wohl gestrichen werden könnten, wenn nur die Willensfreiheit und somit die Möglichkeit der Moral übrig bleibt. Wir sollen moralisch handeln ohne Hinblick auf die Unsterblichkeit und die künftige Vergeltung. Wir können moralisch handeln ohne den Glauben an Gott, ohne Rücksicht auf das, was er zu unserer Erlösung gethan, ohne die Ueberzeugung, dass er uns im Gebete nahe sei und selbst ein Gebet um die Wiedergeburt erhören werde. Was hilft uns aber die Erlösung, wenn wir keine Rücksicht auf sie nehmen sollen? Was ist mir ein Gott, an den ich mich nicht, wie ein Kind an seinen Vater, bittend wenden soll, den ich nicht anreden darf, ohne für wahnsinnig gehalten zu werden von Solchen, die mich zufällig im lauten Beten über-
26) A. a. O.


