Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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gegen dasselbe geben soll? Wenn freilich jeder Gottesdienst als eine Hofceremonie, die dem höchsten Könige gelten soll, angesehen wird, dann bedarf Gott solcher Huldigungen nicht, und es gilt hiervon was der Prophet Jesaias 1, 1117 den Israeliten sagt. Bei wahrhaft religiösen Menschen ist es anders. Sie meinen auch nicht in äusseren Werkdiensten Gott zu dienen, aber es ist ihnen doch ein Herzensbedürfniss, neben der Pflichterfüllung gegen die Mitmenschen Gott auch persönlich zu danken, ihre Gebete und Lobgesänge ihm darzu- bringen, um aus dieser Erhebung zu Gott die Kraft zur Pflichterfüllung gegen den Nächsten zu schöpfen. Es heisst auch nichtes werden nicht die, welche Herr Herr sagen, in's Him- melreich kommen, wie die Rationalisten diesen Spruch Christi noch oft citiren, sondern:es werden nicht Alle, die Herr Herr sagen etc. Das Herr Herr sagen ist an sich nichts Unrechtes, sondern das Herr Herr sagen, ohne den Willen Gottes zu thun. Wo das Christen- thum lebendig war, ist jederzeit auch das Gotteshaus als Mittelpunkt der Gemeinde ange- sehen worden, und das war nicht, wie Kant meint, die Folge einer unvermeidlichen Ein- schränkung der menschlichen Natur d. h. der Bornirtheit, sondern der natürliche Entwicke- lungsgang jedes gesunden Kirchenlebens, wie wir dies in der Diaspora noch immer finden. Sonst wären wir jetzt der Verwirklichung der Vernunftreligion allerdings näher als je, da gar Manche, sich mit der Moral begnügend, im Allgemeinen selten noch die Kirche besuchen und meinen, in der Natur, wo sie Gott gewöhnlich auch nicht dienen wollen, sich besser erbauen zu können. Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, der will auch mit anderen Andächtigen einstimmen in das Lob(iottes, in den Gesang der Gemeinde, der will hören vom Worte Gottes, der will sich erbauen durch die Predigt und sich trösten lassen in seiner Sündennoth durch das Evangelium. Der Bekenner der Moralreligion kommt über das Gesetz nicht hinaus und kann erst recht zum Pharisäer werden, der Bekenner des histo- rischen Christenthums aber, der fühlt, was Sünde ist, sehnt sich nach dem Evangelium, oder aus einem Saulus ein Paulus zu werden.

Zwei Grundsätze will Kant in der Kirche festgehalten haben: I) den der beschei- denen Zurückhaltung der Kritik über Offenbarung und Bibel, 2) den der Betonung, dass die wahre Religion nicht in das Wissen und Bekennen dessen, was Gott zu unserer Seligwerdung thue oder gethan habe, sondern was wir thun müssen, um dessen würdig zu werden,²⁰) zu setzen sei..

Wie Kant selbst den ersteren Grundsatz befolgt, zeigt nicht allein sein gering- schätziges Urtheil über den Offenbarungsglauben, über Wunder und Anderes, was mit der Vernunft nicht zusammenstimmt, sondern auch sein bedenkliches Prinzip, der Schrift überall einen moralischen Sinn unterzulegen, selbst da, wo es gezwungen scheine, oft auch wirklich sein möge, ²¹) sowie seine nicht minder bedenkliche Meinung, das Historische in der h. Schrift seietwas Gleichgültiges, mit dem man es halten könne, wie man wolle.²*) Hierzu scheint er auch die Lehren von Christi Auferstehung und Himmelfahrt, sowie von unserer eigenen leiblichen Auferstehung zu rechnen, ²*) welche er wenigstens sehr stark anficht, ohne zu beden-

²0) A. a. 0., 3. Stück, 2. Abth.

21) A. a. O., 3. Stück, 1. Abth. VI.

²²) A. a. O., 3. Stück, 1. Abth. VI.

²³) A. a. O., 3. Stück, 2. Abth., Anmerkung.