Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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gefälligen Menschen für uns zum Vorbild zu machen; sie liegt als ein solches schon in unse- rer Vernunft. ¹⁵).

Aus diesen Sätzen ersehen wir Folgendes. Die Johannei'sche Logosidee überträgt Kant auf die Menschheit. Diese ist der Sohn Gottes, nicht Christus. Dieser wird zwar auch so genannt, aber nur, weil er das Ideal der Menschheit, das ewige Urbild, das bei dem himmlischen Vater war, auf Erden sichtbar repräsentirt. Der Glaube an Christus ist folglich identisch mit dem Glauben an die moralisch vollkommene Menschheit. Da diese schon in unserer Vernunft liegt, so bedarf es eigentlich keines Beispiels der Erfah- rung: also hätte es nach Kant der Sendung Christi nicht bedurft.

Die Nachfolge jenes Ideals macht uns Gott wohlgefällig und selig. Dies müsste eigentlich vor dem Forum der Vernunft genügen. Nun kommt aber Kant, der seine Ideen gern in biblische Gewänder hüllt, mit der Satisfactionslehre. Gott sehe Christi Gerechtigkeit an, als ob es die unsrige wäre, wenn wir unsere der Christi ähnlich machen. Unser Philo- soph fühlt die Schwierigkeiten einer solchen Stellvertretung in ihrer ganzen Schwere und sucht sie dadurch zu heben, dass er sagt, Gott, der auf die Gesinnung sehe, rechne die Sin- nesänderung für die That an. Dies beweist oder erklärt aber nur die Vereinbarkeit der göttlichen Güte und Gnade mit der göttlichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, keineswegs jedoch die Möglichkeit oder gar Nothwendigkeit einer Genugthuung und Stellvertretung Christi für uns.

Kant selbst schreibt dieser ganzen Deduction keinen positiven praktischen Nutzen zu, da der moralisch Bekehrte im Bewusstsein seiner Bekehrung den Trost seiner Sündenver- gebung schon habe. Es sei nur die Beantwortung einer spekulativen Frage. Man ersehe aber,dass nur unter der Voraussetzung der gänzlichen Herzensänderung sich für den mit Schuld belasteten Menschen vor der himmlischen Gerechtigkeit Lossprechung denken lasse, mithin alle Expiationen, sie mögen von der büssenden oder feierlichen Art sein, alle Anru- fungen und Hochpreisungen(selbst die des stellvertretenden Ideals, des Sohnes Gottes) den Mangel der ersteren nicht ersetzen oder, wenn diese da ist, ihre Gültigkeit vor jenem Gerichte nicht im Mindesten vermehren könne; denn dieses Ideal muss in unserer Gesinnung aufge- nommen sein, um an der Stelle der That zu gelten. ¹⁶)

Wir sehen, wie hier Alles auf den moralischen Zustand des Menschen ankommt. Dieser ist auch möglich ohne Christus und Christi Genugthuung, weil er sein Gesetz und Vorbild in sich selber hat und Gott dem Menschen nicht um Christi, sondern um des Menschen eigener Besserung willen verzeiht. Die Bedeutung Christi ist wenigstens nach der Kantschen Lehre im zweiten Stück seiner Schrift über die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft durchaus nicht klar, und dies mag wohl der Grund sein, wes- halb er sie so wenig praktisch verwerthet, selbst in seiner Pädagogik bei der Besprechung des Religionsunterrichts gar nicht erwähnt. Die Christologie gehört mit zu den schwächsten Theilen der Kant'schen Religionslehre, die sich einerseits an das Christenthum anschliesst, andererseits so weit davon entfernt, dass sie die Lehre von Christi Person nur gleichsam aus schuldiger Ehrerbietung behandelt.

¹5) A. a. O., 2. Stück, 1. Abschnitt. 16) A. a. O., 2. Stück, 1. Abschnitt.