Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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ihmeine Art Wahnsinn, in welchem wohl gar auch Methode sein kann. ¹³) Die Läugnung von Wundern und Offenbarung ist nicht consequent, weil nach der Kritik der reinen Ver- nunft wir nicht berechtigt sind, das zu verwerfen, was die Vernunft nicht einsehen kann; der Standpunkt, den Kant dieser Frage gegenüber einnimmt, ist aber noch weniger conse- quent, weil er einmal die Wunder und übernatürlichen Offenbarungen zugibt, dann aber in Abrede stellt. Ein Religionsphilosoph, der zugleich pädagogische Winke geben will, darf in solchen Fragen, namentlich über die Person Christi, die Cardinalfrage des Christen- thums, nicht so schwankend und zweideutig sein. Christus, dessen Name nicht einmal genannt wird, ist einerseits reiner Mensch wie wir, natürlich erzeugt, den Versuchungen aus- gesetzt, andererseits von der Erbsünde eximirt, ein himmlischer Gesandter, Sohn Gottes, Ideal und Vertreter des Menschengeschlechts bei Gott. ¹¹) Einerseits soll er unser Erlöser, andererseits soll doch wieder der Mensch sein eigener Erlöser sein.

Zur genaueren Erkenntniss der Kant'schen Christologie dürften vor allen folgende Stellen dienen:Das, was allein eine Welt zum Gegenstande des göttlichen Rathschlusses und zum Zwecke der Schöpfungen machen kann, ist die Menschheit in ihrer mora- lischen ganzen Vollkommenheit.Dieser allein Gott wohlgefällige Mensch ist in ihm von Ewigkeit her; die Idee desselben geht von seinem Wesen aus; er ist sofern kein erschaffenes Ding, sondern sein eingeborner Sohn, das Wort (das Werdeh) durch welches alle Dinge sind und ohne das nichts existirt, was gemacht ist.

Das Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit können wir uns nun nicht anders denken, als unter der Idee eines Menschen, der nicht allein alle Menschenpflicht selbst aus- zuüben, zugleich auch durch Lehre und Beispiel das Gute in grösstmöglichem Umfange um sich auszubreiten, sondern auch, obgleich durch die grössten Anlockungen versucht, dennoch alle Leiden bis zum schmählichsten Tole um des Weltbesten willen und selbst für seine Feinde zu übernehmen bereitwillig wäre.

Im praktischen Glauben an diesen Sohn Gottes(sofern er vorgestellt wird, als habe er die menschliche Natur angenommen) kann nun der Mensch hoffen, Gott wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden: d. i. der, welcher sich einer solchen moralischen Gesinnung bewusst ist, dass er Glauben und auf sich gegründetes Vertrauen setzen kann, er würde unter ähnlichen Versuchungen und Leiden(so wie sie zum Probirstein jener Idee gemacht worden) dem Urbilde der Menschheit unwandelbar anhängig und seinem Beispiele in treuer Nachfolge ähnlich bleiben, ein solcher Mensch und auch nur der allein ist befugt, sich für denjenigen zu halten, der ein des göttlichen Wohlgefallens nicht unwürdiger Gegenstand ist.

Diese Idee hat ihre Realität in praktischer Beziehung vollständig in sich selbst. Denn sie liegt in unserer moralisch gesetzgebenden Vernunft. Wir sollen ihr gemäss sein, und wir müssen es daher auch können.

Es bedarf keines Beispiels der Erfahrung, um die Idee eines Gott moralisch wohl-

¹3) A. a. O., 4. Stück,§ 2 ¹4) A. a. O., 2. Stück.