Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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minder räthselhaft erscheint es, dass das Böse angeboren und doch auch wieder durch einen falschen Gebrauch der sittlichen Freiheit vom Menschen selbst verschuldet sein soll. Beden- ken wir dabei, dass die Kant'sche Religionslehre sich innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft halten will.

Im zweiten Stücke(über den Kampf des guten Prinzips mit dem bösen) spricht sich Kant über den Erlöser aus, welcher den Kampf des Menschengeschlechtes frei- willig und vorbildlich für uns übernommen und die Gewalt des Bösen gebrochen habe. Als der Fleisch gewordene Sohn Gottes, das Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit, aber reiner Mensch, weil er sonst kein Vorbild für uns sein könne, habe der Erlöser, ohne der Beglaubigung durch Wunder zu bedürfen, durch Lehre und Wandel- das Ideal des Guten in sich leibhaftig dargestellt und uns in sofern bei Gott vertreten, als Gott, wenn wir dem Erlöser nachstreben, unsere bessere Gesinnung für die That nehme und um dieser Besserung willen uns auch die vorigen Vergehungen verzeihe.

Es mag sein, heisst es, dass die Person des Lehrers der alleinigen für alle Welten gültigen Religion ein Geheimniss, dass seine Erscheinung auf Erden, sowie seine Entrückung von derselben, dass sein thatenvolles Leben und Leiden lauter Wunder, ja gar, dass die Ge- schichte, welche die Erzählung aller jener Wunder beglaubigen soll, selbst auch ein Wunder (übernatürliche Offenbarung) sei: so können wir sie insgesammt auf ihrem Werthe beruhen lassen, ja auch die Hülle noch ehren, welche gedient hat, eine Lehre, deren Beglaubigung auf einer Urkunde beruht, öffentlich in Gang zu bringen: wenn wir nur, den Gebrauch dieser histo- rischen Nachricht betreffend, es nicht zum Religionsstücke machen, dass das Wissen, Glauben und Bekennen derselben für sich etwas sei, wodurch wir uns Gott wohlgefällig machen können. Was aber Wunder überhaupt betrifft, so findet sich, dass vernünftige Menschen den Glauben an dieselben, dem sie gleichwohl nicht zu entsagen gemeint sind, doch niemals wollen prak- tisch aufkommen lassen, welches so viel ist als: sie glauben zwar, was die Theorie betrifft, dass es dergleichen gebe, in Geschäften aber statuiren sie keine. ¹¹)

Das Letzte erinnert an das, was Lessing in der Dramaturgie umgekehrt von dem Gespensterglauben sagt, dass die Menschen ihn in der Theorie läugnen, aber in der Praxis bekennen. Beide Male stimmen Theorie und Praxis nicht überein; bei dem Wunder und bei dem Gespensterglauben. Während sich aber bei diesem die Inconsequenz aus einer phy- sischen Schwäche des menschlichen Nervensystems erklärt, bietet sich bei jenem für die Inconsequenz gar keine stichhaltige Erklärung dar. Warum denn in der Theorie den Wun- derglauben festhalten, den man in der Praxis nirgends statuirt? Warum Wunder einräumen, die man, wie verschiedene Stellen des vierten Stücks zeigen, doch nicht glaubt? Nach unserem Citate scheint Kant die Möglichkeit der Wunder und einer übernatürlichen Offen- barung bei Jesu offen zu lassen und sich nur gegen die symbolische Verwerthung einer sol- chen Geschichtsauffassung zu verwahren, während er nach dem vierten Stücke seiner Religions- philosophie weder Wunder noch eine übernatürliche Offenbarung zugibt. Den Wunderglauben rechnet er zu dem Wahnglauben, ¹²) und eine übernatürliche Offenbarung zu glauben ist nach

¹¹) A. a. O., 2. Stück, 2. Abschnitt. ¹²) A. a. O., 4. Stück,§ 4.