Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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I. Kants Ansichten über Stoff und Inhalt des Religionsunterrichts oder über die Religionslehre überhaupt.

Dass die Welt im Argen liege: ist eine Klage, die so alt ist, als die Geschichte. Mit diesen Worten beginit Kant seine Schriftdie Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft. In Folge der zeitlich unbestimmbaren ersten Unterordnung des moralischen Gesetzes unter die Triebfeder der Selbstliebe durch die Verkehrtheit seines Herzens ist der Mensch von Natur, d. h. radical böse. Aber, zum Guten geschaffen, soll und kann er die mora- lische Triebfeder zur Grundmaxime seines Denkens und Thuns machen.Was der Mensch im moralischen Sinne ist oder werden soll, gut oder böse, dazu muss er sich selbst machen oder gemacht haben.*) Dies geschieht nicht durch allmähliche Reform, sondern durch eine Revolution, eine völlige Sinnesänderung, eine Wiedergeburt(Joh. 3, 5), indem erden obersten Grund seiner Maximen, wodurch er ein böser Mensch war, durch eine einzige unwan- delbare Entschliessung umkehrt und einen neuen Menschen anzieht.)Von Gott zu erwar- ten oder zu erbitten, dass er ihn ohne seine eigene Anstrengung zum besseren Menschen machen möge, ist der wahren moralischen Religion zuwider.*)Es ist nicht wesentlich und also auch nicht Jedermann nothwendig zu wissen, was Gott zu des Menschen Seligkeit thue oder gethan habe, aber wohl, was er selbst zu thun habe, um dieses Verstandes würdig zu werden.)

In diesem kurzen Auszuge aus dem ersten Stücke der oben angeführten Schrift liegen die Grundgedanken und die Grundfehler der Kant'schen Religionslehre. Der Mensch hat durch die Annahme einer falschen Maxime sich selbst verderbt und soll sich nun auch selbst wieder gut machen, indem er das Sittengesetz zu seiner Maxime erhebt. Allein wie kann er das, wenn er von Grund aus böse ist? Kant selbst findet es unbegreiflich, woher das Böse zuerst in das Menschengeschlecht gekommen sei,*) und wie ein natürlicher Weise böser Mensch sich selbst zum Guten machen könne. ¹⁰) Das letztere versucht er dadurch zu erklären, dass er sagt, das Gebot,wir sollen bessere Menschen werden, setze voraus, dass wir es auch können. Allerdings; aber nicht, dass wir es Von selbst oder allein, ohne Hülfe können. Die Annahme eines radicalen Bösen im Menschen schliesst seine Fähigkeit, sich selbst zu retten, ohne fremde Hülfe, aus. Nicht

³) Kant, die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft, I. Stück(vom radicalen Bösen), V. 6) A. a..

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a. O. 8) A. a. 0. a. O., IV. a. 0., V. 1*