Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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ma zwischen der Willensfreiheit und der Naturnothwendigkeit befriedigend gelöst, ob durch die Autonomie des Sittengesetzes die Autonomie des Gesetzgebers nicht gefährdet, ob ein rein formales, den Begriffen von Gut und Böse vorausgehendes Gesetz überhaupt ein Gesetz, ob Neigung und Liebe nicht über das Pflichtgefühl zu stellen sei, das und Anderes mag hier nur angedeutet werden.

Das moralische Gesetz, sagt Kant in der Kritik der praktischen Vernunft, führt, durch den Begriff des höchsten Guts, als das Object und den Endzweck der praktischen Ver- nunft, zur Religion d. i. zur Erkenntniss aller Pflichten als göttlicher Gebote.)

Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft, Kant's letztes Haupt- werk(1793), bildet den Abschluss seiner Philosophie, welche, vom reinen Denken ausgegangen, vom unfruchtbaren Gebiete der reinen, spekulativen Vernunft zu dem fruchtbareren Gebiete der praktischen Vernunft sich wendet und in der Moraltheologie culminirt. Indem er in dieser Schrift die orthodoxe Auffassung und Behandlung der Religion einer scharfen Kritik unter- wirft, gibt er zugleich Winke, wie nach seiner Meinung die Religion aufzufassen und zu unterrichten sei.

Die folgenden Zeilen sollen nun ein Versuch sein, Kants Ansichten über den Religionsunterricht darzustellen und zu beurtheilen.

Wir können uns hierbei natürlich nicht auf die wenigen Winke Kants in seiner Päda- gogik über diesen Gegenstand beschränken, sondern müssen seine denselben berührenden Ideen aus den oben genannten Schriften zusammen suchen. Hierbei dürfte es sich empfehlen, analog Kants eigener Eintheilung seiner Hauptwerke in Elementarlehre und Methodenlehre, zuerst seine Ansichten über Stoff und Inhalt des Religionsunter- richts ü berhaupt d. h. ü ber die Religionslehre und sodann seine An- sichten über die methodische Einrichtung des Religionsunterrichts d. h. über die Lehrmethode zu betrachten und zu prüfen. Bei letzterer werden wir an den Religionsunterricht in Haus und Schule, in der Kirche und auf Universitäten denken, welche Unterscheidung wir auch in Kants eigenen Schriften, wenn gleich nicht systematisch, gemacht finden.

) Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 1. Theil, 2. Buch, 2. Hauptst. V.