Aufsatz 
Kants Ansichten über den Religionsunterricht / dargest. und beurtheilt von Gustav Wachenfeld, Gymnasiallehrer
Entstehung
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Einleitung.

Es ist beachtenswerth, dass ein Mann wie Kaht, welcher, als Philosoph und als Polyhistor mit Aristoteles vergleichbar, das Gebiet der speculativen Vernunft, wie Keiner vorher, durchmessen und begrenzt hat, am Schlusse seiner Kritik der reinen Vernunft mit sokratischer Bescheidenheit gesteht,dass wir im reinen und speculativen Vernunftgebrauche in der That nichts wissen können,¹)dass der grösste und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft wohl nur negativ sei, da sie nämlich nicht als Organon zur Erweiterung, sondern als Disciplin zur Grenzbestimmung diene und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst habe, Irrthümer zu verhüten.²)

Dass dieses demüthige und den menschlichen Hochmuth demüthigende Bekenntniss des grössten Philosophen der Neuzeit, wenn nicht aller Zeiten, vollkommen ernst gemeint sei, beweist nicht nur sein bescheidener Charakter, sondern auch der Gang seiner Philosophie.

Nachdem er in der Kritik der reinen Vernunft, welche im Todesjahre seines Geistesverwandten Lessing(1781) erschien, gezeigt hatte, dass unser Erkennen, an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden, das Gebiet möglicher Erfahrung nicht überfliegen und daher auch über die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes, dessen herkömmliche Beweise er scharfsinnig widerlegte, nichts Bestimmtes aussagen könne, preist er am Schlusse seines Meisterwerkesdie Aussicht auf's praktische Feld, wo man mit Grund einen festeren Boden hoffen dürfe, um auf demselben sein vernünftiges und heil- sames System zu errichten.³) Dies praktische Feld ist für Kant die Moral, welche er 1785 in der Metaphysik der Sitten zum Gegenstande philosophischer Untersuchung machte, indem er in deren zweitem Theile, der Tugendlehre, ein System reinphilosophischer Ethik aufstellte. In der Kritik der praktischen Vernunft(1788) begründete er die Moral durch das in uns befind- liche Sittengesetz, welches ein unbedingtes Sollen(kategorischen Imperativ) ausspräche. Dem Sollen müsse ein Können, dem Gesetze ein Gesetzgeber, der sittlichen Würdigkeit eine Glück- seligkeit in einer anderen Welt entsprechen, und so kommt er auf Willensfreiheit, Gott und Unsterblichkeit alsPostulate der praktischen Vernunft, welche die Kritik der reinen Vernunft als unerreichbare Ziele transcendentaler Spekulation bezeichnet hatte, ohne indessen den Freigeistern das Recht einzuräumen, dieselben zu läugnen. Ob nun durch die willkürliche Unterscheidung zwischen den Dingen an sich und ihren Erscheinungen das Dilem- ) Kant, Krit. der reinen Vernunft, Methodenlehre, 1. Hauptst., 3. Absch.

²) A. a. O., Methodenlehre, 2. Hauptst. ³) A. a. O., Methodenlehre, 1. Hauptst., 2. Abschnitt.