Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
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Heranwachſen des Zöglings in geordneten, in guten Familienverhältniſſen die beſte Grundlage für die Ausbildung des Menſchen zum Lehrer und Erzieher anderer bildet. Die individuelle Einzelerziehung in der Famile läßt ſich auch durch die beſte Maſſenerziehung nicht erſetzen.

Die Frage, welche Art der Vorbereitung für das Seminar die beſſere ſei, iſt in den verſchiedenen Zeiten ſehr verſchieden beantwortet worden; dennnichts iſt veränderlicher als die Kriegskunſt und die Pä⸗ dagogik, pflegte einer unſerer Bekannten, ein Freund draſtiſcher Aus⸗ drücke, zu ſagen..

In einer Denkſchriftüber die Erforderniſſe einer beſſe⸗ ren Lehrerbildung kommt der Friedberger Seminarlehrer Stamm 1873 zu dem Ergebnis, daß die beſte, Vorbildung für das Se⸗ minar durch die Präparandenanſtalten gewährleiſtet werde. Seine Be⸗ weisführung ſchien die maßgebenden Kreiſe überzeugt zu haben, und auch Heſſen richtete dieſe Anſtalten ein, die anfangs den bei weitem größten Teil des Erſatzes lieferten. Aber ſchon 1890 kommen bei einem der heſſ. Seminare 21% aus höheren Schulen, 1900 in der gleichen Anſtalt 27% und 1905 ſogar 36%. Denn in der Zwiſchenzeit hatte ſich die heſſiſche Lehrerſchaft gegen die exkluſive Vorbildung in der Präparandenanſtalt erklärt und die Reife für IIa gefordert, dann Primareife und ſchließlich Maturität, nachdem ſeit 1906 ein pädagogiſcher Kurſus, der zuerſt von einjähriger, ſpäter von zweijähriger Dauer war, für die neue Ausbildung ein Vorläufer und Vorbild, eingerichtet worden war.

Vor ihrem Eintritt ins Seminar haben von unſeren Schülerinnen 13,5% höhere Schulen beſucht. Dieſe waren bei ungefähr gleicher Be⸗ gabung den anderen anfangs natürlich in der Fremdſprache und auch im deutſchen Ausdruck in der Regel weit überlegen und blieben das auch ſpäter noch in der Ausſprache und in der Konverſation der Fremdſprache. Da⸗ gegen haben nicht wenige der früheren Volksſchülerinnen, die in Mathe⸗ matik und in den Naturwiſſenſchaften ihnen meiſt überlegen waren, ſie in der Grammatik eingeholt, ſie ſogar gelegentlich übertroffen, ebenſo im deutſchen Ausdruck. Von den reſtierenden 86,5% kamen 59,7% aus der Volksſchule, 26,8% aus der hieſigen Mittelſchule.

Heſſen bildet die Brücke zwiſchen dem Norden und dem Süden Deutſchlands, ſo hörte man unmittelbar nach den politiſchen Ereigniſſen des Jahres 1866 den Beruf Heſſens nach der neuen politiſchen Geſtaltung Deutſchlands bezeichnen, nicht nur politiſch, ſondern auch ethnographiſch. Denn in der Tat zeigt die Bevölkerung Rheinheſſens z. B. einen ſcharfen Gegenſatz in Bezug auf Temperament und Lebensführung zu der Ober⸗ heſſens. Und dieſe Gegenſätze zeigen ſich beſonders ſtark bei den Jugend⸗ lichen. Darum kommt es gar nicht ſelten vor, daß aus Rheinheſſen ſtam⸗ mende Lehrer, die nach Oberheſſen, beſonders nach dem Vogelsberg, für den Vheinheſſen das heſſiſche Sibirien, verſetzt wurden, dort nie recht heimiſch werden konnten, und umgekehrt zieht es den Oberheſſen wieder zur nüch⸗ ternen Heimat zurück. Wir ſelbſt hatten Gelegenheit, die Eigenart der Bewohner der drei heſſiſchen Provinzen gründlich kennen und ihre Vor⸗ züge und Schattenſeiten einſchätzen und ſie dementſprechend behandeln und verwerten zu lernen.

Wir betrachten es als eine günſtige Fügung, daß ſich in unſerer Anſtalt Schülerinnen der drei Provinzen in glücklicher Miſchung zu⸗ ſammenfanden, die ſich gegenſeitig beeinflußten und ergänzten. Auch für die Ausgeſtaltung des Unterrichts war dieſe Miſchung überaus glücklich und darum wertvoll.

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