leſen und gelernt(für die meiſten eine Wiederholung), wie man ſie heute nur in einer nicht allzu vorgeſchrittenen Volksſchule den Schülern zu bieten wagt, ſo u. a.: Die Einkehr, der weiße Hirſch, Jung Siegfried, der gute Kamerad, Zimmerſpruch, 3 Paare und einer, Barbaroſſa, der reichſte Fürſt, die Tabakspfeife, der Lotſe, mitten durchs Herz, Freundſchaft(von S. Dach), der Pilgrim von St. Juſte u. a. m. Daraus dürfte erſichtlich ſein, daß der reaktionäre Geiſt der preuß. Regulative bei uns noch ebenſo, ja vielleicht noch ſchlimmer herrſchte als ſelbſt in Preußen. Durch aus— gedehnte Privatlektüre der Klaſſiker ſuchten ſich die meiſten von uns für das zu entſchädigen, was man uns in trauriger Verblendung vorenthielt. Als Grund dieſer Rückſtändigkeit gab einer der Verfaſſer an:„Die zum großen Teil aus ländlich⸗bäuerlichen Kreiſen ſtammenden Schüler ſind noch ſo ungewandt im Ausdruck, daß man ihnen nichts Beſſeres geben kann.“ Von den Friedberger Seminariſten von 1868 bis 1871 z. B. ſtammten allerdings 94% aus Orten unter 2000 Einwohnern, 5% aus Orten bis zu 10 000 Einwohnern und nur 1% aus größeren Orten. Aber ſie waren meiſt ſtrebſam, nicht unbegabt und vielfach geradezu von einem wahren Bildungshunger beſeelt, den man leider nicht befriedigte. Das harte und völlig unzutreffende Urteil ihres Lehrers hatten ſie jedenfalls nicht verdient. Seine Behauptung entbehrte der Grundlage und war eigentlich nur eine verwäſſerte Wiederholung des ſeiner Zeit wohl berechtigten, aber ſpäter von ihm ſelbſt berichtigten Gutachtens des erſten Friedberger Seminardirektors Roth vom 24. März 1812, alſo 5 Jahre vor der Gründung des Friedberger Seminars. Wenn das Arteil des Friedberger Seminarlehrers in ſeiner Allgemein⸗ heit richtig wäre, ſo müßten wir an unſerer Anſtalt von vornherein äußerſt günſtige Verhältniſſe gehabt haben, denn von unſeren 480 Abi⸗ turientinnen ſtammen 248(51,6%), aus Orten über 10 000 Einwohnern, 136(28,4%) aus Orten von 2—10 000 und nur 96(20%) vom platten Lande.
Nun unterliegt es keinem Zweifel, daß die große Stadt mit ihren mannigfaltigen Anregungen auf die jugendliche Seele einen gewal⸗ tigen Einfluß ausübt, der ſich auch in der größeren Sprachgewandtheit auswirkt, und nach dieſer Seite waren und ſind bis zum heutigen Tag die Großſtadtkinder den Dorfkindern, anfangs wenigſtens, bedeutend über⸗ legen. Allein bei nicht wenigen der gut Begabten vom Lande zeigte ſich ſchon nach einigen Wochen ein geradezu erſtaunlicher Fortſchritt, und nach weiteren Monaten kamen ſie auch in den Leiſtungen und im Ausdruck den großſtädtiſchen Klaſſengenoſſinnen immer näher, um dann unter Um⸗ ſtänden nach Verlauf von einem oder von zwei Jahren die unumſtrittenen Führerinnen der Klaſſe zu werden. Denn die Lehre fiel hier auf urwüch⸗ ſiges Neuland und trug reichſte Frucht. Was in den Seelen dieſer natür⸗ lichen Landkinder in ihrer Seminarzeit ſich vollzog, das ſpricht eine dieſer Glücklichen, die vor mehr als 15 Jahren mit dem Zeugnis der Reife die Anſtalt verließ, vor kurzem in einem Brief an ihren ehemaligen Direktor aus. Sie ſchreibt u. a.:„Mit welch ungetrübter Freude denke ich an dieſe Jahre, wo ſich mir eine geiſtige Welt lerſchloß, deren Größe mich zugleich überwältigte und beglückte, und die mir erſt die Möglichkeit gab, mein Leben ſo zu leben, wie ich es dunkel erſehnte!“
Darum war es ein gewaltiger Irrtum von Taine und dem Fried⸗ berger Seminarlehrer, wenn ſie der Umwelt des Menſchen den faſt allein beſtimmenden Einfluß auf ſeine Entwicklung zuſchrieben. Einſeitig allerdings iſt auch der Standpunkt Carlyles, der den an⸗ geborenen Anlagen das allein Ausſchlaggebende beimißt. Das Richtige
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