Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
Einzelbild herunterladen

V. Die Schülerinnen.

Mit einer leichten Gänſehaut des Grauens werden wohl manche der Leſerinnen bei dieſer Überſchrift verweilen in der Annahme, daß nun feſt⸗ geſtellt wird, wieviel Schülerinnen die Anſtalt von ihrer Gründung bis zu ihrer Auflöſung beſucht haben, woher ſie ſtammen, welcher Konfeſſion ſie angehören und welchen Standes ihre Eltern ſind, daß alſo nur eine Angabe in Zahlen erfolgt, in denen jede Schülerin eine unbenannte Zah⸗ lengröße darſtellt und damit zur Unperſönlichkeit herabſinkt. Auf dieſe Weiſe kamen dieſe Zahlen nicht zuſtande. Wir haben vielmehr bei jedem Namen länger oder kürzer verweilt und bei dieſem Verweilen uns die Hauptcharakterzüge der Namensträgerinnen ins Bewußtſein zurückgerufen, mit ihnen gewiſſermaßen Zwieſprache gehalten, die dieſen Mußeſtunden des alten Nuheſtändlers einen beſonderen Neiz verliehen. Ohne Zahlen läßt ſich zwar keine Statiſtik herſtellen, für uns aber ſind es keine leeren Zahlen mehr, denn es liegen ihnen Perſönlichkeiten zu Grunde. Und wenn ſich unſere Leſerinnen dementſprechend einſtellen wollen, dann wer⸗ den ſich auch ihnen dieſe, Zahlen beleben und zu ihnen ſprechen.

In den 24 Jahren ſeines Beſtehens ſind gegen 650 Schülerinnen in das Seminar eingetreten, demnach durchſchnittlich beinahe 30 in die Klaſſe. Schon während ihrer Ausbildungszeit erlagen A einer tückiſchen Krankheit, 161 verließen die Anſtalt, ohne ihr Ziel erreicht zu haben. Als Gründe ihres vorzeitigen Austritts vermerkten wir:

Tabelle 1.

(6[Ohne Aus Ge⸗ eeil ſee ſchſ Häuslich Wegen 3 verließen Ardünfen Grund⸗ ſundheits⸗einenande Verhältn. Ver⸗ ſednen die Anſtalt angabe frückſichtenn wählten wegen lobung im 1. Jahr 31 24 21 6 10 92 2. 16 6 4 9 5 40 3. 7 3 3 3 1 1 18 , 4. 3 1 2 2 3 11

57 34 28 20 18 4 161

Das ſind beinahe 25% aller Beſucherinnen, ein ungemein hoher Prozentſatz derer, die ihre Studien vorzeitig abbrechen mußten, ſo früh⸗ zeitig allerdings, daß ſie ſich noch einem anderen Berufe zuwenden konnten. Nicht leichten Herzens haben wir den faſt ausnahmslos braven und pflichttreuen jungen Mädchen den dringenden Rat gegeben, ſich einen anderen Beruf zu wählen. Die Rückſicht auf ſie ſelbſt und ihre Eltern und die Intereſſen der Schule und der Jugend waren für uns allein ausſchlaggebend. Die meiſten der Beteiligten haben das auch ſelbſt ein⸗ geſehen und haben, wenn auch ſchweren Herzens, dem wohlgemeinten Rate Folge geleiſtet und ſich einem anderen Berufe zugewandt.

Zu Oſtern 1872 erſchien als Beilage zum Jahresbericht des Fried⸗ berger Seminars eine Darſtellung über den Betrieb des deutſchen Unter⸗ richts an dieſer Anſtalt, die als Verfaſſer die drei Lehrer des Deutſchen hatte. Die Schrift iſt mehr polemiſch als methodiſch, denn man ſuchte vor allem die offenkundige Rückſtändigkeit dieſes Unterrichts zu entſchul⸗ digen, in dem Stoffe behandelt wurden, die nicht für zukünftige Lehrer, die damals 1619 Jahre alt waren, ſich eigneten, ſondern für Volks⸗ ſchüler der mittleren und oberen Klaſſen. Außer Hermann und Doro⸗ thea, Tell und Minna von Barnhelm wurden als poetiſche Stoffe ge⸗

31