Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
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Die in den Lehrerinnenſeminaren der höheren Mädchenſchulen zu Darmſtadt und Mainz ausgebildeten Lehrerinnen waren von der Ablegung der Schlußprüfung befreit. Dieſe Befreiung wurde nicht nur von unſeren ehemaligen Schülerinnen, ſondern von der geſamten heſſiſchen Lehrerſchaft als eine nicht berechtigte, unbillige Bevor⸗ zugung angeſehen, zumal doch die im Pädagogiſchen Kurſus vorge⸗ bildeten Lehrer mit Maturum mit den übrigen Aſpiranten dieſe Prü⸗ fung ablegen mußten. Dieſes Vorrecht wurde von der Lehrerſchaft um ſo bitterer empfunden, als dieſen Lehrerinnen die Dienſtzeit ſchon von ihrem Eintritt in den Schuldienſt an zählte, den übrigen dagegen erſt von der beſtandenen Schlußprüfung ab, alſo zwei Jahre ſpäter.

Trotz der guten Natſchläge, die Wiederholungen auf das Notwen⸗ digſte zu beſchränken, trotz aller Abmahnungen vor dem Zuviel, wurde, wie das bei gewiſſenhaften jungen Mädchen allgemein beobachtet wird, dieſer wohlgemeinte Rat nicht befolgt, ſondern noch zuviel gearbeitet, ſo daß der Prüfung rechtſauere Wochen vorangingen, für die ſich unſere trotz alledem lebensfrohe Jugend durch einen ſchönen Abſchluß ihrer Seminarzeit in einemfrohen Feſt zu entſchädigen verſtand. Auf die Prüfung folgte unmittelbar die Entlaſſungsfeier, die ſich der be⸗ ſchränkten Raumverhältniſſe wegen auf den engen Rahmen der Seminargemeinſchaft beſchränken mußte. Aus der Stimmung aller Teilnehmer an dieſen Feiern durfte mit Genugtuung geſchloſſen werden, daß zwiſchen den ſcheidenden Schülerinnen und dem Lehr⸗ körper das beſte Einvernehmen geherrſcht hatte. 3

Noch am gleichen oder an dem folgenden Tage fand eine Ab⸗ ſchiedsfeier ſtatt, die nicht nach bewährten Muſtern ausgeſtaltet war, in denen vielmehr die Eigenart jeder Klaſſe zum Ausdruck kam. Das ſchwarze Gewand der Prüfung und Entlaſſungsfeier, das dem Ernſt der Stunde Ausdruck verlieh, mußte bei dieſer Feier dem hellen Kleide, dem Gewande der heiteren Feſte, Platz machen. Außer dem Lehrkörper nahmen die Anverwandten der Scheidenden, vor allem aber ihre Eltern daran teil, von denen wir die meiſten noch nicht kannten. Sie hatten uns ihre Töchter als Kinder im Alter von 14 Jahren zur Aus⸗ bildung anvertraut und nahmen ſie von uns nun als fertige Lehrerinnen wieder in Empfang. Wie wir weiter unten berichten werden, ſtammen unſere Schülerinnen faſt ausnahmslos aus den Kreiſen der Lehrer, mittleren Beamten, kleiner Geſchäftsleute und Landwirte, aus Kreiſen alſo, die ſozial unter oder höchſtens mit der Lehrerin geichſtehen; darum die Freude und der Stolz dieſer biederen Leute, die zum Teil unter Opfern und Entbehrungen den Unterhalt ihrer Kinder in der Ausbil⸗ dungszeit beſtritten hatten, über den Erfolg ihrer gewiſſermaßen über ſie hinausgewachſenen Töchter, darum auch ihr aufrichtiger Dank für unſere Glückwünſche zur beſtandenen Prüfung, ihr herzlicher Dank an uns für die Unterſtützung zur Erreichung ihres Zieles.

Es konnte uns zwar nicht verborgen bleiben, daß Vorbereitungen für die Abſchiedsfeiern von langer Hand getroffen waren, daß wir alſo auf Aberraſchungen gefaßt ſein durften; trotzdem überſtiegen die Dar⸗ bietungen nach den verſchiedenen Seiten und auf den verſchiedenen Ge⸗ bieten regelmäßig unſere auf ſie geſetzten Erwartungen. Sie zeigten uns auch, daß in manchen der Schülerinnen Talente geſchlummert hatten, die wir leider nicht entdeckt hatten und die darum auch für die Schule nicht zur Entwicklung und Ausnützung gekommen waren. Alle Teil⸗ nehmer dieſer Feiern, Gäſte wie Gaſtgeber, werden dieſe in jeder Be⸗

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