Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
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nur zu kurze Zeit in einer Klaſſe weilt und darum die einzelnen Schüler nur oberflächlich kennt. Gerade heutzutage muß der Lehrer vor allem auch guter Erzieher ſein, und nach dieſer Seite ſollte der Lehranfänger von dem tüchtigen Äbungslehrer lernen, der ein warmherziger Freund der Jugend, der Vertraute ſeiner Schutzbefohlenen ſein muß. Häufige Konferenzen, Probelektionen und andere Einrichtungen unter dem Vor⸗ ſitze des Direktors hätten die nötige Einheitlichkeit in der Ausbildung der Seminariſtinnen gewährleiſten müſſen. Dieſer Vorzüge wegen wurde dieſe Einrichtung der Schulabteilung für unſere Anſtalt vorgeſchlagen, wurde auch genehmigt, und wir machten damit die beſten Erfahrungen. Trotzdem wurde ſie nach einem Jahre wieder beſeitigt, weil an den Lehrerſeminaren die Unterrichtsübungen in den Händen der Seminar⸗ fachlehrer lagen. So hatte die leidige Gleichmacherei am grünen Tiſch wieder einmal über die beſſere Einſicht den Sieg davongetragen; denn 3 Jahre ſpäter wurde die gleiche Einrichtung am Pädagogiſchen Kurſus der Flun ganz Neues vom grünen Tiſch aus verfügt und dort ein⸗ geführt.

Alle Prüfungen ſind ſchön, wenn man ſie beſtanden hat. Der Präger dieſes Scherzwortes hat offenbar auch unter dem phyſiologiſchen und pſychiſchen Druck einer für ihn nicht leichten Prüfung geſeufzt. Er wird darum die Zuſtimmung der meiſten ſeiner Leidensgenoſſen finden, zu denen zweifellos nicht wenige Abiturienten der Seminare gehören, die in mehr als 20 Einzelfächern ihre Entlaſſungsprüfung ablegen müſſen, wenn auch in 3 Etappen, nach zuſammen 7 Tagen ſchriftlicher und 4 Tagen mündlicher Prüfung. Das iſt ein grober Unfug, werden die zahlreichen Gegner jeder Prüfung ſagen, die für ihre Forderung manche recht beachtenswerte Gründe ins Feld führen. Wenn wir trotz mancher Bedenken gegen die Prüfung für ihre Beibehaltung in einer aller⸗ dings abgeänderten, milderen Form eingetreten ſind, ſo geſchah das aus folgenden Erwägungen: Es iſt zweifellos höchſt wertvoll, wenn der junge Menſch ſich von Zeit zu Zeit bewußt wird, was er weiß, ſich ge⸗ wiſſermaßen ſelbſt erkennt und gezwungen wird, ſein Wiſſen zu er⸗ kennen, es zu einem organiſchen Ganzen zuſammenzufügen. Im Hin⸗ blick auf die Prüfung wird er auch intenſiver arbeiten, und darum wirkt ſie äußerſt günſtig nicht nur nach der intellektuellen, ſondern beſon⸗ ders nach der moraliſchen Seite durch die Stärkung des Willens. Freilich darf die Prüfung nicht in erſter Linie auf die bloße Feſtſtellung einer ge⸗ wiſſen Stoffmenge eingeſtellt ſein, ſondern auf das Verſtändnis des Stoffes. Der Prüfling muß zeigen, daß er die kauſalen Zuſammen⸗ hänge erfaßt hat und imſtande iſt, neue Zuſammenhänge herauszufin⸗ den, Umgruppierungen leicht vorzunehmen. Der Prüfende darf es jedoch nicht darauf abſehen nur zu erfahren, was der Prüfling nicht weiß, ſondern vor allem, was er weiß und was er mit ſeinem Wiſſen anzu⸗ fangen verſteht. Eine derartig eingeſtellte Prüfung iſt nicht nur für die das Zwiegeſpräch führenden Lehrer und Examinanden intereſſant und an⸗ regend, ſondern auch für die nicht beteiligten Zuhörer. Wir ſelbſt be⸗ kennen dankbar, daß wir manche Anregung ſtofflicher und methodiſcher Art als Mitglied der verſchiedenen Prüfungskommiſſionen den Mit⸗ prüfenden zu verdanken haben.

Wenn dieſer Abſchnitt über die Vichtlinien bei unſeren Prüfungen, der anſcheinend nicht direkt zum Thema gehört, etwas lang ausgefallen iſt, ſo geſchah es in der Abſicht, den mehr als 220 Damen, die bei uns ſeit 1907 als Externe die Entlaſſungsprüfung beſtanden haben und wohl aus Intereſſe für unſere Anſtalt dieſe Schrift leſen, zu zeigen, von welchen

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