richtung gegenüberſtehen. Niemand beſtreitet zwar, daß es für die Lehr⸗ anfänger unbedingt nötig iſt, unter der Leitung eines bewährten Prak⸗ tikers in die Unterrichtstätigkeit eingeführt zu werden; aber nur ſehr wenige der beteiligten Lehrer mögen dieſe Äbungen in ihren eigenen Klaſſen haben, da der regelmäßige Unterrichtsbetrieb dadurch leicht etwas geſtört, die Fortſchritte der Schüler verlangſamt, die Arbeit der beteiligten Lehrer durch Beſprechungen mit dem Anfänger und eventueller Durchſicht der Vorbereitungen erhöht, die Disziplin der Klaſſe unter Um⸗ ſtänden geſchädigt wird. Gar zu gerne ſchieben auch die Eltern die Miß⸗ erfolge ihrer Kinder auf die Unterrichtsübungen, in denen, wie man ſich dann auszudrücken pflegt, die Kinder zu Verſuchsobjekten gemacht werden. Um zu verhüten, daß eine wirkliche Schädigung der Kinder eintritt, ſollte man dieſe Ubungen wie hier in Darmſtadt nur an größere Schulgemeinſchaften verlegen, ſo daß die einzelne Klaſſe keinen merklichen Schaden zu erleiden braucht. Einklaſſige Schulen dafür zu verwenden, wie wir das in einem Seminar der franzöſiſchen Schweiz kennen lernten, halten wir für eine Verſündigung an der Jugend beſon⸗ ders dann, wenn, wie dort, von 4 Lehrſeminariſten in einem, aller⸗ dings übergroßen Schulſaal in 4 verſchiedenen Lehrgegenſtänden zu⸗ gleich unterrichtet wurde.
In der Frage des Wo herrſcht wohl ſchon ſeit Jahrzehnten in Deutſchland völlige Einigkeit, dagegen gehen die Meinungen in der Frage des Wie auch heute noch auseinander. In unſerer eigenen Aus⸗ bildungszeit von 1871—1874 lagen die Unterrichtsübungen, die von den Seminarfachlehrern geleitet wurden, ganz außerhalb der Schulzeit, ſtell⸗ ten demnach für die beteiligten Kinder, ein meiſt nicht freudig geleiſtetes, befohlenes Plus von Arbeit dar. Die beſten Schüler wurden in der Regel dazu ausgewählt, der durchzunehmende Stoff war dem bereits erledigten entnommen, vielleicht nur etwas anders gruppiert; es war für die Kinder jedenfalls nur Wiederholungsſtoff, dem ſie natürlich auch kein reges In⸗ tereſſe mehr entgegenbrachten. Der Lehrſeminariſt aber lernte nur eine unnatürliche Wirklichkeit kennen, die ihn in der ſpäteren Praxis wohl manche bittere Enttäuſchung erleben ließ.
Heute können an den Seminaren ohne angegliederte Übungsſchulen die Aufſicht über die Unterrichtsübungen und die Vorbereitungen da⸗ für auch in den Händen der Seminarfachlehrer liegen, oder beide Funktionen ſind den ſelbſtverſtändlich ſehr tüchtigen Klaſſenlehrern der Übungsſchule übertragen.
Dieſe Einrichtung hat zweifellos ihre großen Vorzüge. Der Lehr⸗ anfänger wird in einen normalen Schul⸗ und Unterrichtsbetrieb ein⸗ geführt, er lernt eine Klaſſe kennen, in der ſich Lehrer und Schüler wie Freunde, jedenfalls aber nicht wie Fremde gegenüberſtehen, er ſieht, wie der Lehrer ſeine Schüler individuell behandelt, wie er die einzelnen, ihrer Begabung und Kraft entſprechend, zur Mitarbeit heranzieht, wie er hier hemmend, dort anſpornend, hier aufmunternd, dort mit ernſten Worten auf die einzelnen einwirkt, da er ſie ja genau kennt. Ja, er kennt nicht nur ſeine Schüler, er kennt auch deren Eltern und weiß, daß Faulheit, Unaufmerkſamkeit, Teilnahmloſigkeit, Unſauberkeit, Roheit und andere Untugenden gar nicht ſelten auf den ſchlimmen Einfluß des Elternhauſes zurückzuführen ſind, daß darum neben ernſten Ermahnungen und event. Beſtrafungen auch Ermunterungen und warme Anerkennung für beſſere Leiſtungen und ernſte Beſſerungsbeſtrebungen am Platze ſind, d. h. er lernt den erzieheriſchen Einfluß des wahren Lehrers kennen, wie er von dem Seminarfachlehrer niemals ausgeübt werden kann, da dieſer
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