Fächern faſt jedes Jahr ein Lehrerwechſel eintrat, obwohl bei jeder jungen Anſtalt unbedingte Stabilität nach dieſer Seite herrſchen ſollte.
Die Möglichkeit, ſich„nach berühmten Muſtern“ zu richten, in be⸗ währten, befahrenen Gleiſen ſich zu bewegen, hat zweifellos manche Vor⸗ züge: Die Erfahrungen anderer können benutzt, Fehler anderer vermie⸗ den werden, man weiß ſich in großer, wenn auch nicht immer in beſter Geſellſchaft. Dieſen Vorzügen ſtehen allerdings auch offenſichtliche Nach⸗ teile und Gefahren gegenüber: Die befahrenen Gleiſe ſind oft ſchon aus⸗ gefahren, Fehler und Kückſtändigkeiten werden nicht ſelten als ſolche gar nicht erkannt und darum überſehen, da man in und mit ihnen in der eigenen Schulzeit groß geworden iſt, nicht genügend nachprüft und ſich ſcheut, an dem„würdig alten Hausrat der Väter, dem teueren Erbſtück der Ahnen, zu rütteln.“
„Und ſo gibt man denn der Jugend vielfach noch das, was für das ins Grab ſteigende Geſchlecht wohl geeignet iſt, nicht aber für die Ju⸗ gend“, wie einnal Wilhelm Münch etwas gar draſtiſch und hart über die neuzeitliche Schule urteilt.
Vor dieſer ſchlimmen Tradition blieben wir glücklicherweiſe bewahrt; wir mußten uns unſeren Weg ſelbſt ſuchen. Dies hatte aber den gewal⸗ tigen Vorteil, daß wir vorurteilsfreier an die Ausgeſtaltung unſerer Lehr⸗ pläne herantraten, kritiſcher bei der Stoffauswahl verfuhren, von Zeit zu Zeit nachprüften und bei dieſen wiederholten Nachprüfungen unter Be⸗ rückſichtigung der beſonderen Verhältniſſe unſerer Anſtalt entſprechende Abänderungen vornahmen. Dieſe Notwendigkeit erforderte außerdem eine intenſive Zuſammenarbeit des geſamten Lehrkörpers. Dadurch kam man ſich beruflich und auch perſönlich näher, das Intereſſe für die eigene Wiſſenſchaft, aber auch das für die anderen Wiſſenſchaften wurde reger. Dieſes Hinüberſchauen über den Zaun der eigenen nach der anderen Wiſſenſchaft macht objektiver im Urteil, und es kam darum gar nicht ſelten vor, daß die Anſicht des Nichtfachmannes, deſſen Blick, wie man ſcherzweiſe zu ſagen pflegt, durch Sachkenntnis nicht getrübt war, den Nagel auf den Kopf traf und zur Ausgeſtaltung des für ihn fremden Lehrplans einen wichtigen Bauſtein lieferte.
Zur Erhöhung und Erweiterung der allgemeinen Bildung hatten wir das Franzöſiſche ſofort zum Pflichtfach erhoben, während es an den Lehrerſeminaren noch Wahlfach war, in dem bekanntlich recht wenig ge⸗ leiſtet wurde.
Für die Mathematik wurde die Zahl der Stunden allmählich nicht unweſentlich erhöht; dadurch konnten ſich auch die Leiſtungen in dieſem Fach denen der Lehrerſeminare bedeutend nähern. Durch regelmäßige bio⸗ logiſche Exkurſionen ſtiegen Intereſſe und Leiſtungen in Naturgeſchichte ganz erheblich. So kamen wir ſchon einige Zeit nach der Gründung der Anſtalt ſo weit vorwärts, daß wir uns ſagen konnten:„die an unſerer Anſtalt erworbene Bildung iſt gleichwertig, wenn auch nicht ganz gleich⸗ artig der an den Lehrerſeminaren erworbenen“. Das zeigte ſich beſonders klar und deutlich bei den Schlußprüfungen, in denen zu unſerer Genug⸗ tuung unſere Schülerinnen durchweg gut abſchnitten.
Für die Abhaltung des Turnunterrichts ſtellte uns die Stadt die Turnhalle der Stadtmädchenſchule III zur Verfügung.
Von Oſtern 1903 ab wurden an dieſer Schule auch unſere Unter⸗ richtsübungen abgehalten. Wer wie der Verfaſſer am Gymnaſium in Gießen jahrelang Unterrichtsübungen junger Anfänger in ſeiner eige⸗ nen Klaſſe hat abhalten ſehen bezw. ſie geleitet hat, der weiß nur zu gut, daß Klaſſen⸗ und Fachlehrer mit gemiſchten Gefühlen dieſer Ein⸗
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