II. Seine Geganiſation, Anterrichtsbetrieb, Prüfungen, Seminartage.
Zunächſt ſchien es keine leichte Aufgabe zu ſein, die ſo verſchieden vorbereiteten Schülerinnen, beſonders die der Oberklaſſe, einzuſchulen und ſie in den einzelnen Gegenſtänden auf die gleiche Höhe zu bringen, ſo daß ſie zu einer wahren Klaſſengemeinſchaft heranreiften.
Aber mit unermüdlichem Fleiß, ſeltener Pflichttreue, tadelloſem Verhalten, erſtaunlicher Arbeitsfreudigkeit und Begeiſterung haben gerade unſere erſten Schülerinnen die noch vorhandenen Lücken auszufüllen und in freudiger Arbeitsgemeinſchaft ihr hochgeſtecktes Ziel zu erreichen ſich beſtrebt und damit den folgenden Klaſſen ein nachzuahmendes, edles Vorbild gegeben, das allmählich in der Anſtalt Tradition werden ſollte. Und dieſe durch eigene, pflichttreue Arbeit erworbene Tradition iſt von ungemein hohem Wert und wirkt ſuggeſtiv.
Bei Neugründungen von Schulen werden gewöhnlich die für die be⸗ treffende Schulart gültigen amtlichen Lehrpläne oder die verwandter An⸗ ſtalten zu Grunde gelegt; für unſere Anſtalt gab es beides nicht. Semi⸗ nare für Volksſchullehrerinnen waren in Deutſchland wohl ſchon vor⸗ handen, aber ihre Organiſation wich von der unſerer Anſtalt weſentlich ab. Sie beſtanden aus drei Klaſſen, deren Schülerinnen ſich entweder privatim vorbereitet oder die 10 klaſſige höhere Mädchenſchule vorher durchlaufen hatten. Unſere Anſtalt aber ſtellte mit ihren 5 Klaſſen ein organiſches Ganze dar, für das eine gute Volksſchulbildung als Grundlage gedacht war. Von den Lehrerſeminaren unterſchied ſie ſich inſofern, als dort die Vorklaſſen mit den Seminarklaſſen keine orga⸗ niſche Einheit bildeten. Die örtliche Trennung der beiden Einheiten dort übte auch einen bedeutenden Einfluß auf die Ausgeſtaltung des Lehr⸗ plans. Im Seminar wurde auf den in den Vorbereitungsklaſſen erwor⸗ benen Stoff nicht in allen Gegenſtänden direkt aufgebaut, ſondern der ganze Stoff wurde noch einmal von vorne durchgearbeitet, d. h. er mußte in manchen Gegenſtänden geradezu durchgejagt werden.
In unſerer Anſtalt dagegen lag von vornherein der geſamte Veli⸗ gionsunterricht z. B. in einer Hand, der Lehrer kannte ſeine Schülerinnen von der unterſten Klaſſe auf, konnte ſchwierigere Teile einzelner Ab⸗ ſchnitte auch einmal auf ſpäter verſchieben und umgekehrt leichtere des ſpäteren Penſums ſchon vorwegnehmen, wenn ſie ſich in einen früheren Stoff leicht einfügen ließen und ſo der geiſtigen Entwicklung der Schü⸗ lerinnen einzelner mehr oder minder begabter Klaſſen in weiteſtem Maße Rechnung tragen. In der Geſchichte wurde die griechiſche und römiſche Geſchichte und die deutſche bis zu Karl dem Großen in den Klaſſen 5 und a erledigt, für die 3 oberen blieb ein Penſum übrig, das in 3 Jahren zu erledigen war, für die 1. Klaſſe die Zeit von 1815 ab. Dadurch war es möglich, den Tatſachen des 19. Jahrhunderts, die für das Verſtändnis der Gegenwart von der allergrößten Wichtigkeit ſind, die genügende Zeit und Aufmerkſamkeit zu widmen. In den anderen Gegenſtänden lagen die Verhältniſſe ganz ähnlich.
Darum war es notwendig, daß eingehende Speziallehrpläne von den Fachleuten aufgeſtellt, gründlich durchberaten und von Zeit zu Zeit auf Grund der gemachten Erfahrungen revidiert wurden, um ſie den beſonderen Verhältniſſen der Anſtalt anzupaſſen, ſo daß ſie ſich immer individueller ausgeſtalteten. Die Feſtlegung der Penſen und die Aufſtel⸗ lung grundlegender Nichtlinien waren beſonders in der Mathematik und den Naturwiſſenſchaften unerläßlich, da im erſten Jahrfünft in dieſen
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