Hierauf hielt Direktor Dr. Jacobi die Feſtrede.
Nach dem gebührenden Dank an den Großherzog, die Schulbehörde und die Landſtände führte er aus, daß die Anſtalt, die zunächſt dem Utilitätsprinzip ihre Gründung verdanke, um dem herrſchenden Lehrer⸗ mangel zu ſteuern, ſozialpolitiſch von der größten Bedeutung ſei. Der Volksſchullehrerin, die ſich ſeither nur privatim eine höchſt mangelhafte und notdürftige Ausbildung für das Lehramt aneignen konnte, ſoll durch die Errichtung der Anſtalt Gelegenheit gegeben werden, ſich eine der Lehrerbildung gleichwertige Ausbildung anzueignen. Dabei wird ſie zeigen können, daß ſie in gleicher Weiſe wie der Mann befähigt iſt, be⸗ ſonders bei Mädchen dieſen Beruf auszuüben und das Vorurteil beſei⸗ tigen, das noch vielfach gegen die Lehrerin beſteht.
Wie die Lehrerſeminare ſo ſoll auch die neue Anſtalt eine Pflanz⸗ und Pflegeſtätte echt deutſcher Sitte, echt deutſchen Weſens und Geiſtes ſein, die ihren Zöglingen neben einer gediegenen allgemeinen Bildung eine gründliche Fachbildung für den zukünftigen Lehrberuf ermöglicht.
Um dieſer doppelten Aufgabe gerecht zu werden, bedarf es des ein— mütigen Zuſammenwirkens aller Lehrkräfte, an die ſich der Redner nun wendet, und ſie zur freudigen und opferwilligen Mitarbeit auffordert mit dem Verſprechen, ihnen allezeit ein treuer Mitarbeiter und Berater zu ſein.
Hierauf wandte er ſich an die Schülerinnen, deren Ausbildung von nun an ſeine ganze Kraft gewidmet ſein ſoll und ermahnte ſie, ſtets ein— gedenk zu ſein, daß ſie ſich zwar einem der ſchönſten und idealſten, aber auch einem der ſchwerſten Berufe widmen wollten, für den das Seminar ſie vorbilde. Der Wichtigkeit und Verantwortlichkeit dieſes Berufes wegen ſei es notwendig, ſtets fleißig und pflichttreu zu ſein, um ſich eine gedie— gene Bildung anzueignen, und beſtändig Selbſtzucht zu üben.
Mit dem Wunſche, daß alle Hoffnungen für die Ausgeſtaltung und Entwicklung der Anſtalt und für ihre Bedeutung um die Hebung der Volksbildung und Volkserziehung in vollem Maße in Erfüllung gehen möchten, ſchließt der Redner ſeine eindrucksvolle Rede.
Ein zweiter Vortrag auf dem Harmonium beſchließt die einfache, aber würdevolle Feier, an die ſich eine Beſichtigung der Schulräume anſchließt.“
Einige Zeit vor der Feier ging ein heftiges Gewitter mit ſtarkem Regen nieder; aber unmittelbar vor und während der Feier erſtrahlte die Sonne wieder im hellſten Glanze und verjagte die Wolken, die uns noch kurz vorher ihren Anblick verſchleiert hatten. Durften wir dieſe Himmels⸗ erſcheinung als günſtiges Vorzeichen für uns deuten? Als Optimiſten, die dem Leben auch heute noch die ſchönere Seite abzugewinnen ſuchen, wünſchten und hofften wir, daß der Himmel recht haben möge, wenn er unſerer Anſtalt bei ihrem erſten Gang durchs Leben warmen, hellen Sonnenſchein als Begleiter mit auf den Weg gab. Und heller Sonnen⸗ ſchein war uns in unſerem neuen Heim in reicher Fülle beſchieden. Da kein hinderndes Gegenüber ihn davon abhielt, ſo drang er ungehindert durch die hohen, breiten Fenſter unſerer nach Süden gelegenen Schul⸗ räume und befreite ſie nach Möglichkeit von geſundheitsſchädigenden kleinſten Feinden des menſchlichen Organismus; heller, warmer Sonnen⸗ ſchein öffnet auch die Herzen und ließ Lehrende und Lernende Freude empfinden an der geiſtigen Arbeit, die in ſo reichem Maße unſer harrte.
14


