Aufsatz 
Untersuchungen über den Chronisten Johannes Nuhn von Hersfeld / von Julius Pistor
Entstehung
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Wert der Arbeiten betrifft, so läßt sich von keiner einzigen sagen, daß sie Anspruch auf eine über das Mittelmäßige hinausgehende Bedeutung habe. Hervor- ragende Persönlichkeiten, an denen biographische Dar- stellungen hätten anknüpfen können, fehlten während jener Zeiten in Hessen zwar ebensowenig wie denk- würdige kriegerische und politische Ereignisse, die ja in den meisten Fällen den Anlaß zur Abfassung ge- schichtlicher Aufzeichnungen zu geben pffegten; aber gerade die fortwährenden Kämpfe der Dynastie mit kriegerischen Nachbarn in erster Linie mit Kurmain⸗ und mit eigenwilligen Vasallen, wozu in vereinzelten Fällen noch schwere Konflikte mit unbotmäßigen Städten kamen, scheinen vorzugsweise einer gedeih- lichen Entfaltung der Geschichtschreibung hindernd in den Weg getreten zu sein.

In diesen ewigen Unruhen, die ebensosehr die gesamte geistige wie die materielle Kultur des Landes in ihrer Entwicklung stark zurückbleiben ließen, ist wohl auch der hauptsächlichste Grund dafür zu suchen, daß die Landesfürsten der Pflege der Künste und Wissenschaften, insbesondere der Poesie und der Ge- schichtschreibung, im allgemeinen nicht die gebührende Aufmerksamkeit zuwandten. Einige Herrscher scheinen indes von Haus aus nicht jeder Teilnahme für diese Dinge entbehrt zu haben. Freilich sind die Spuren, die hierauf hindeuten, nur dürftig und noch dazu teil- weise recht unsicher. So spricht manches dafür, daß Johannes Riedesel, der älteste hessische Chronist, Landgraf Otto nahe stand ¹), und gleichfalls will es scheinen, als ob der unbekannte Verfasser derHessen- chronik Beziehungen zum Fürstenhause, insbesondere

¹) Vgl. meine Abhandlung: Der Chronist Wigand Gersten- berg. Nebst Untersuchungen über ältere hessische Geschichts- quellen in der Zeitschr. f. hess. Gesch. N. F. XVII, 65.