9
handen sei, aufzugeben. Diese Aeusserung des Grafen Raul, gegen welchen Robert ohnehin von grossem Misstrauen erfüllt war, da ein Bruder desselben, Roger, im Heere des byzantinischen Kaisers Dienste genom- men und demselben über die normannischen Kriegsrüstungen Mittheilungen gemacht hatte, erregte in sol- chem Grade den Zorn des Herzogs, dass der Gesandte es für gut fand, sich den Wirkungen desselben durch schleunige Flucht zu entziehen und sich in Bohemund's Schutz zu begeben.*)
Von Brindisi kehrte Robert wieder nach Otranto zurück, da es sein Plan war, hier das ganze für den Feldzug bestimmte Heer und die Flotte zu sammeln und von hier aus, anstatt der gewöhnlichen Ue- berfahrt von Brindisi nach Durazzo(Dyrrhachium, Epidamnus), auf dem kürzesten Wege nach Valona (Aulon) hinüberzuführen.**¾)
Die Stärke der Kriegsmacht, welche Robert zu dem Unternehmen gegen das byzantinische Reich verwandte, lässt sich bei den abweichenden Nachrichten der Quellenschriften nicht mit völliger Gewissheit angeben. Der Kern des Heeres bestand in 1300 trefflich gerüsteien Rittern, dem normannischen Kriegs- adel; die Zahl der übrigen Truppen war nicht beträchtlich und konnte im Verhältniss zu dem Unterneh- men, welches der Herzog sich vorgesetzt hatte, sogar sehr gering genannt werden. Man wird schwerlich sehr irren, wenn man annimmt, dass die Gesammtzahl des Heeres sich auf höchstens 15000 Mann belau- fen habe.*en) Robert verachtete den Feind, mit welchem er den Kampf begann, nach seinen in Italien gesammelten Erfahrungen zu sehr, als dass er nicht hätte hoffen können, auch mit einer so unbedeutenden Streitmacht sein Ziel zu erreichen, um so mehr wenn der angebliche Michacl, der sich ebenfalls auf der Flotte befand und von ihm als rechtmässiger Kaiser betrachtet und behandelt wurde, in dem byzantinischen Reiche Glauben und Anhang fand und dadurch die Fortschritte seines Beschützers wesentlich erleichterte. Ueberdies war er genöthigt, seinem Sohne Roger einen nicht unbedeutenden Theil der Streitkräfte, über welche er verfügen konnte, zurückzulassen, da er demselben die Beschützung des Papstes gegen den Kö- nig Heinrich aufgetragen hatte und er ausserdem auf die Treue seiner Unterthanen in Italien, namentlich
*) Die Gesandtschaft Raul's wird nur von Anna(I, 15 p. 71) erwähnt und ist von derselben in ihrer gewöhnlichen Weise, namentlich in Bezug auf das leidenschaftliche Benehmen Robert's gegen den Gesandten, ausgemalt. Letzterer trat später nach dem Beispiele seines Bruders Roger in die Dienste des Kaisers Alexius und beide Brüder werden in der Geschichte des ersten Kreuzzugs als Gesandte des Kaisers an Gottfried von Bouillon erwähnt von Albertus Aquensis II, 7. Vielleicht erfand Raul das was Anna über die ihm von Robert widerfahrne Behandlung erwähnt, um sich bei den Griechen beliebt zu machen.
**) Anna I, 16(p. 75) hat die falsche Angabe, dass Robert von Brindisi nach Durazzo gesegelt sei. Er nahm den kürzesten Weg von Otranto nach Valona, welchen Plinius H. N. III, 6, 16 auf 50 Meilen berechnet. Dies lässt sich auch daraus schliessen, dass Guill. Ap. V, 132(p. 293) ausdrücklich den Grund angibt, warum Robert bei seinem zweiten Feldzuge nicht von Otranto, sondern von Brindisi abgesegelt sei.
„**) Nach Anna I, 16(p. 74) hatte Robert 150 Schiffe und ungefähr 30000 M. und wären mithin auf jedes Schiff 200 Soldaten mit Waffen und Rossen gekommen. Die Schriftstellerin legt es aber immer darauf an, den Ruhm ihres Vaters zu vergrössern, indem sie die Streitkräfte seiner Gegner übertreibt. Nach dem Chron. Nortm. a. 1081(p. 278 Mur.) hatte Robert, als er gegen Durazzo z0g, 15000 M.; nach Leo Ost. III, 49(p 738 Pertz) setzte er mit 15000 M. nach Griechenland über; Ord. Vit. 7(Ducange not ad Alex. p. 28 Ven.) gibt die Stärke seines Heeres auf 10000 Soldaten an. Malat. III, 24(p. 582 u. 583 Mur.) sagt, Robert habe pauca manu ein so mächtiges Reich zu erobern sich vorgesetzt und fährt dann fort: ipse armatae militiae non plus quam mille trecentos mi- lites secum habuisse ab eis qui eidem negotio interfuerunt attestatur. Auch bemerkt er III, 26(p. 583): Impera- tor(Alexius).... totum imperium sollicitat multisque millibus, paucis numero hostibus sed strenuitate ab- undantioribus occurrere parat. Hiedurch dürfte das von mirjim Texte über die Streitkräfte Robert's Angegebene hinreichend gerechtfertigt sein. 2


