Aufsatz 
Die Feldzüge Robert Guiscard's gegen das byzantinische Reich : nach den Quellen dargestellt / Karl Schwartz
Entstehung
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Hofe mehrere Personen, welche früher im kaiserlichen Palaste zu Constantinopel gedient und den Kaiser Michael persönlich gekannt hatten, dass der Fremde mit demselben durchaus keine Aehnlichkeit habe und ohne Zweifel ein Betrüger sei; aber der Herzog liess sich, obgleich er ebenfalls bezweifeln mochte, dass der Ankömmling der wirkliche Kaiser Michael sei, gleichwol durch jene Aeusserungen nicht abhalten, denselben als solchen zu betrachten und zu behandeln, ohne Zweifel in der Iloffnung, der unbekannte Fremdling könne ihm, wenn er für seine Angabe in den Ländern des griechischen Reiches Glauben finde, seine Un- ternehmungen wesentlich erleichtern. Dass der Fremde ein Betrüger war und auch von Robert als ein solcher bald erkannt wurde, ist nicht zu bezweifeln; doch ist es sehr unwahrscheinlich, was neuere Schrift- steller behaupten, dass der Herzog selbst den Betrug angelegt habe, wenn er auch allerdings den Vortheil nicht von der Hand wies, der sich ihm bei der Benutzung des Fremden für seine Unternehmungen darbot.*)

Noch waren Robert's Vorbereitungen zu seinem Feldzuge nicht völlig beendigt, als in Constantinopel unerwartet eine neue Thronveränderung erfolgte, durch welche er des eigentlichen Vorwandes für seine Unternehmung wenigstens theilweise beraubt wurde. Der bejahrte Kaiser Nicephorus,**) ein charakter- loser Schwächling, der nur durch Arglist und Ränke sich gegen seine Feinde zu behaupten wusste und die trostlose Verwirrung im griechischen Reiche auf den höchsten Gipfel gebracht hattte, war durch seinen tapferen Feldherrn Alexius, der durch seinen Muth und sein Waffenglück im Kampfe gegen mehrere Em-

*) Die Stellen über diesen angeblichen Michael sind: Lup. Protosp. a. 1080(p. 60 Pertz Scriptt. V.); Anonym. Bar. a. 1080(P. 153 Murat. Scriptt. rer. Ital. V); Annal, 12 p. 59; Guill. Ap. IV, 162(p. 282 u. 283 Pertz) und Malat. III, 13(p. 579 Murat.). Anna gibt an, der Fremde sei ein griechischer Mönch Namens Rector gewesen, und hält es für wahrschein- lich, dass Robert den Betrug angelegt habe. Die oben im Texte gegebene Darstellung gründet sich vorzugsweise auf Malaterra, welcher sagt: Porro dux, uterne an pro certo esset aequipendens, cum multus susurrus inter suos super tali negotio fieret, ab incoepto minime deterrebatur, sed potius quod coeperat exequens, cum ipse non esse hunc dubitaret, nil de hac re dubitare asserebat, et hoc ex industria quidem laudans suos faciebat, ne ab ipsis ab incoeptu dehortaretur. Ueber Robert's Absichten spricht er sich so aus: ut sub nomine Michaelis, quibusdam sibi faventibus, Graecis facilius debellatis, cum ad palatium usque perventum foret.... ipse Imperator fieret. Sehr bezeichnend sind die Worte Wilhelm's von Apulien:

Mentitus se Michaelem Venerat a Danais quidam seductor ad illum

und bald nachher:.... Hunc adhibens socium sibi dux, ut iustior esset

Causa viae, secum, dum trausfretat ipse, reducit. Unter den neueren Schriftstellern hält fast nur Baronins Annal. Eccles A. D. 1080 Nr. 44 den Fremden für den wirklichen Kaiser Michael und viele der Zeitgenossen liessen sich ebenfalls durch den Betrüger täuschen. Ueber den wahren Kaiser Michael finden sich bei Zonaras XVIII, 18 u. 19(p. 229 Ven.) genauere Nachrichten. Nach denselben erhielt er nach seiner Entthronung die Würde eines Bischofs von Ephesus, kam aber nur einmal da- hin und lebte dann noch einige Zeit um Manuelskloster zu Coustantinopel. Auf seinem Sterbelager verzieh er seiner vormaligen Gemahlin Maria, die ebenfalls in ein Kloster gegangen war, und betete zu Gott, dass auch er ihr verzeihen möge. Dass er vor dem Regierungsantritte des Alexius gestorben, scheint auch daraus her- vorzugehen, dass Anna, welche III, 1 p. 134 sd. das grossmüthige Benehmen ihres Vaters gegen Maria und Con- stantinus rühmt, an dieser Stelle sicher auch des Michael gedacht haben würde, wenn derselbe damals noch ge- lebt hätte.

**) Guill. Ap. IV, 77(p. 281) schildert ihn auf folgende Weise: Senex quidam regni Nichoferus habenas,

Sumpserat, ignavus bello, tamen ingeniosa

Mente sagax, contra furtiva pericula cautus,

In bellis metuens plus quam metuendus habetur.