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Jahre 1570 Schultheils und Schöffen darüber klagen, daſs in zehn Jahren nicht weniger denn sechs gelehrte Gesellen wegen der schlechten Bezahlung den Schuldienst nicht länger versehen wollten (vergl. Otto, Evang. Vereinsbl. a. a. O., S. 333). Selbst als im Jahre 1744 nach Wiesbaden der Sitz der Regierung verlegt wurde, nahm die Schule nicht den gehofften Aufschwung; sie war nur eine Vorbereitungsanstalt für das lange Zeit in groſser Blüte stehende Idsteiner Gymnasium. Die jungen Theologen, die das Rektorat bekleideten, strebten dahin, möglichst bald eine gute Pfarrstelle zu erhalten, weshalb ein häufiger, dem Gedeihen der Schule nachteiliger Lehrerwechsel stattfand. Die von Otto (Progr. des Gymn. v. J. 1880, S. 4) miigeteilte ergötzliche Kuſserung des Stadtrates aus dem Jahre 1746. dafs man es„bei dem verdriefslichen Schulehalten doch nicht lange aushalten könne“, zeigt, dals die guten Wiesbadener sich in diesen Zustand der Dinge leidlich zu finden wulsten. Am Ende des 18. Jahrhunderts bestand die Schule aus drei Ordnungen, die zu einer Klasse vereint waren. Wie der Unterricht betrieben wurde, zeigt ein im Gymnasial-Archiv befindlicher, von der Hand des Schulinspektors und evangelischen Stadtpfarrers Koch geschriebener„Lektionsplan der hiesigen lateinischen Schule“, der am 1. Oktober 1800 dem damals neu eintretenden Rektor Karl Philipp Salomon Schellenberg ausgehändigt wurde. Er lautet wie folgt¹):
Morgens: Montags:
1. Christentum mit der ganzen Schule, nach dem Spruchbuche stückweise erklärt und zum Memorieren aufgegeben.
2. Werden die lateinischen Wörter recitiert.
3. Die oberste Ordnung exponiert den Cornelius; unterdessen üben sich die beiden andern Ordnungen im Schönschreiben.
4. Die zweite Ordnung liest Gedikes Lesebuch; unterdessen übersetzt die erste Ordnung das im Cornelio explicierte Pensum, und die dritte schreibt Deklinationen.
5. Die dritte Ordnung übersetzt vorne im Gedike, wird im Deklinieren, Conjugieren und über- haupt in den etymologischen Anfangsgründen geübt; indessen übt sich die erste Ordnung im Schönschreiben, und die zweite übersetzt ins Deutsche aus dem Gedike, was sie vorher exponiert hat.
Nachmittags: 1. Geographie nach Seilers Lesebuch. 2. Wird jeder Ordnung ein Exercitium diktiert; dann werden die Schreibbücher im Schrank bis auf den folgenden Tag aufbewahrt.
3. Naturlehre, Naturgeschichte, Himmelskunde und Zeitrechnung, nach dem Seilerischen Lesebuche.
Morgens: Dienstags:
1. Christentum nach dem Seilerischen Katechismus.
2. Cornelius mit der ersten Ordnung, unterdessen die zweite und dritte Ordnung das am Montage diktierte Exercitium ausarbeiten.
3. Gedike mit der zweiten Ordnung, indessen die erste ihr Exercitium ausarbeitet und die dritte sich in der Kalligraphie übt.
4. Gedike mit der dritten Ordnung, indessen die beiden anderen das explicierte Pensum ins Deutsche vertieren.
¹) Die Orthographie habe ich bei diesem Schriftstücke, wie bei den in der weiteren Darstellung vorkommenden, der für die Schule heute vorgeschriebenen angepaſst.


