Aufsatz 
Festschrift zur Gedenkfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Anstalt / Königliches Gymnasium Wiesbaden
Entstehung
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I.

Geschichte des Pädagogiums zu Wiesbaden. Erster Teil.

Übersicht über die Entwicklung des Wiesbadener höheren Schulwesens bis zur Errichtung des Pädagogiums(1543 bis 1817).

L' Geschichte des Wiesbadener höheren Schulwesens beginnt mit dem 1. Januar 1543. An diesem Tage ernannte der Graf Philipp zu Nassau, Herr zu Wiesbaden und Idstein, den gelehrten Bartholomeus Beringer von Otting in Baiern zum Schulmeister in Wiesbaden. In der von Prof. Otto aufgefundenen, zuerst in den Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 1886, S. 103 ihrem Inhalte nach mitgeteilten, dann im Evangelischen Gemeindeblatt 1890, S. 332 abgedruckten Urkunde wird der genannte Beringer verpflichtet, die Schüler getreulich und fleilsig zu lehren und zu aller Zucht und Gottseligkeit aufzuerziehen, auch dem Pfarrherrn¹) zu den christlichen Ceremonien in der Kirche gehorsam zu sein. Als Besoldung wird ihm dafür aufser freier Wohnung die Summe von 32 Gulden Frankfurter Währung jährlich zugesichert. Dazu soll er das Recht haben, ein Schulgeld zu erheben, welches für Einheimische jährlich auf einen viertel Guldenvon einem jeden Jungen, der anfängt, auf einen halben Guldenvon einem, der in die Grammatica kommt, und auf einen ganzen Guldenvon dem, welcher in die Dialectica kommt, festgesetzt wird, während für ausländische Schüler der Preis besonderer Vereinbarung über- lassen bleibt. Die Klassenbezeichnungen Grammatica und Dialectica lassen erkennen, dals eine Latein- schule gemeint ist, die sich der schon vorher bestehenden deutschen Schule anschliefst. PFreilich ist in der Urkunde von einer besonderen Stiftung der höheren Schule nicht die Rede, allein es ist doch in hohem Grade wahrscheinlich, dals wir es hier mit der ersten Entstehung einer solchen zu thun haben. Zwei und halbes Jahrhundert lang hat die damals gegründete Anstalt nur ein kümmerliches Dasein gefristet, so dals es von geringem Interesse ist ihre Schicksale eingehend zu verfolgen, soweit das bei der Dürftigkeit der überlieferten Nachrichten überhaupt möglich ist. Die armselige Besoldung des Lehrers führte gleich im Anfange dahin, dafs keiner längere Zeit bleiben mochte, wie denn im

¹) Zum Pfarrer bestellte der Graf in einer gleichzeitigen Urkunde einen Landsmann des Beringer, den Magister Wolff Denthener von Wemding, genannt Evander, dessenMitgehilfe jener sein sollte. Vergl. Otto, Evang. Gemeindeblatt a. a. O., S. 326 f, der den Nachweis erbringt, dafs mit diesem Dekrete die Reformation in Wiesbaden eingeführt wurde.

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