IV
Es lag der Gedanke nahe, aus Anlaſs der Jubelfeier eine Geschichte des Pädagogiums wie des Gymnasiums zu schreiben; indes mit den Akten, die in unserem Archive vorhanden sind, war das kaum auszuführen. Denn die Archivalien des Gymnasiums sind für die ältere Zeit, d. h. bis zu der 1868 erfolgten Errichtung des Provinzial-Schulkollegiums, recht unvoll- ständig und dürftig und keineswegs ausreichend, um von dem inneren Leben der Schule ein klares Bild zu gewähren. Auf meine Bitte überlieſs mir jedoch das Provinzial-Schulkollegium zur Benutzung die in seinem Besitze befindlichen, aus den Jahren 1817— 1866 stammenden Akten der vormals Nassauischen Regierung und des Nassauischen Ministeriums, die sich auf das höhere Schulwesen überhaupt und die Wiesbadener Anstalt insbesondere bezogen. Das Studium dieser Akten verschaffte mir einen hoch interessanten Einblick in den Entwicklungs- gang unserer Schule, wie er sich im Anschluſs an die Wandlungen vollzog, die das gesamte humanistische Unterrichtswesen des Herzogtums durchgemacht hat. In diesem Zusammen- hange gewann die Betrachtung der Vergangenheit an Bedeutung, so dafs sie auch für die heutige Zeit genug des Belehrenden bieten konnte. Denn sie betraf nun nicht mehr lediglich eine Summe hervorstechender äufserer Begebenheiten, den eingetretenen Lehrerwechsel, die bestandenen Prüfungen und dergleichen, sondern sie führte direkt in die Erörterung wichtiger Fragen der Schulorganisation, der Lehrverfassung, der Disciplin wie der allgemeinen und besonderen Didaktik. Von dem, was auf den bezeichneten Gebieten sich bewährte und was verfehlt war, von Fortschritten und Irrungen, Strömungen und Gegenströmungen redeten mir die trockenen Aktenbündel eine so lebendige Sprache, dafs mir die empfangenen Eindrücke der Mitteilung nicht unwert erschienen. Allerdings wurde ich mir dabei klar, dafs die vorliegende Fest- schrift für die vollständige Ausführung meines Planes nicht hinreichte, da der Druck Kosten verursacht hätte, für deren Deckung uns keine Mittel zur Verfügung standen. Trotzdem mochte ich mich nicht darauf beschränken, nur eine knappe und dürre Aufzühlung der Haupt- ereignisse aus dem Leben der Anstalt von 1817 bis 1894 zu bieten, sondern ich glaubte den Anfang einer ausführlicheren Darstellung vorziehen zu müssen, welchem dann in den Oster- programmen der nächsten Jahre die Fortsetzungen und der Abschlufs folgen sollten. Hierbei ergab sich der Vorteil, dafs so für zwei weitere Arbeiten Raum blieb, auf deren sofortige Veröffentlichung ich Gewicht legte, nämlich für das von Professor Spiefs verfaſste Ver- zeichnis aller Lehrer, die am Pädagogium und am Gymnasium beschäftigt gewesen sind, und die von Professor Fritze aufgestellte Liste sämtlicher Abiturienten des Gymnasiums. Beide Verzeichnisse, die namentlich den zahlreichen ehemaligen Schülern willkommen sein werden, mulsten gleichzeitig und unverkürzt zum Abdruck gelangen, wenn sie ihrem Zwecke entsprechen sollten. Aus diesen Gründen erscheint hier nur ein kleiner Teil der geschichtlichen Darstellung, in welchem eine kurze Ubersicht über die Entwicklung des Wiesbadener höheren Schulwesens von 1543 bis 1817 vorausgeht und dann die inneren und äufseren Verhältnisse des Pädagogiums unter seinen ersten zwei Rektoren geschildert werden.
Zu meinem Bedauern bin ich nun freilich gezwungen die Fortführung des Begonnenen


