„Wie eine köſtliche Perle, umlagert von edlem Geſchmeide, iſt uns als Wahrzeichen „der früheren blühenden freien Reichsſtadt, des Wohlſtandes und des ewige Werke ſchaffenden „Bürger⸗ und Glaubensſinnes der Vorfahren eins der herrlichſten Denkmäler gotiſcher „Baukunſt in unſerer Katharinenkirche erhalten geblieben. Und doch hat gerade auch „ſie bei der barbariſchen Pfalzverwüſtung inſolge deutſcher Schwäche und Berriſſenheit „ſo hart gelitten, daß ſie zum Teil als Ruine, in anderen Teilen nicht in der urſprünglichen „Schönheit erſchien.
„Da hilft ganz Heſſen, da hilft ganz Deutſchland, ohne Unterſchied des „Glaubens, das edle Gotteshaus wieder herſtellen und ausbauen und giebt allen hieſigen „Kreiſen Anlaß, echten Bürger⸗ und Gemeinſinn zu bethätigen und am Jahrestage der „200 Jahre vorher erlittenen Zerſtörung das erneuerte Werk in erhebendem kirchlichem „und frohem weltlichem Feſte wieder einzuweihen.
„Von dieſem Gotteshauſe aber zieht die ſinnende Betrachtung Fäden hinüber zur „Reichshauptſtadt, zum großartigen, herrlichen Reichstags⸗Gebäude, dem ſtolzen, genialen „Werke unſeres hochgeſchätzten Landsmannes, des Herrn Geheimen Baurat Profeſſor „Dr. Paul Wallot, der ſicher ſchon in früher Jugend gerade durch die Katharinenkirche „mächtige Anregung erhielt, deſſen künſtleriſche Begabung einigermaßen hier wurzelt, und der „ſchon als Jüngling ſich in den Fenſtern des Oſtchors ein bleibendes Denkmal geſetzt hat.
„Mit Stolz nennt ihn unſere Stadt als einen ihrer bedeutendſten Söhne, mit „Stolz darf unſere Schule ihn zu ihren alten Schülern zählen, wenn ſie auch beſcheiden „bleibt im Hinblicke auf das, was ſie bieten konnte und im Vergleiche zu dem, was er im Ge⸗ „biete des ſchaffenden Lebens und der künſtleriſchen Bethätigung geleiſtet hat und noch leiſtet.
„Wer ſollte demnach an ſolch' heimatlicher Gegend und dieſer Heimatſtadt nicht mit „ganzem Herzen hängen? Glücklich wer ſie ſeine Heimat nennen kann!
„Wer aber ſie liebt, liebt auch das Ganze und wird in Zeiten der Gefahr ſeine „ganze Kraft einſetzen, um den heimatlichen und mit ihm den vaterländiſchen „Boden zu ſchützen, für ihn zu kämpfen und zu bluten.
„Glücklich überhaupt, wer eine Heimat hat! Und der Beamte und Schulmann, der „bald an dem einen, bald an einem anderen Punkte zu wirken hat, wird umgekehrt „als ein für das große oder das engere Vaterland dienendes Glied beſtrebt ſein, auch an „dem Orte ſeines amtlichen Wirkens im allgemeinen dem großen, uns alle umfaſſenden „Vaterlande, aber dabei auch dem beſonderen Orte ſeiner Wirkſamkeit zu dienen und „zu nützen. Er wird in einer gewiſſen Pietät für dieſen Ort der amtlichen Wirkſamkeit „ſolche Pietät auch in den Herzen der Jugend nähren und wach erhalten; er wird alle „Beſtrebungen unterſtützen, die die Einheit und die Einigkeit fördern und die „Zwietracht bekämpfen, und wird als Schulmann und Pädagoge ſich fern halten von „verletzendem Spotte oder von hämiſchem und beleidigendem Tone. Dann wird er, ohne daß ſie „künſtlich geſucht werden müßte, auch die Zuneigung und die Liebe der Schuljugend finden, „und kann dieſe dann leicht auch in erziehlichem Sinne lenken und beeinfluſſen, ohne viel „zu Strafen greifen zu müſſen.—
„Er wird dabei beſtrebt ſein, die Kraft der Jugend geiſtig zu entwickeln ohne Überſpannung „und UÜcbereifer, zugleich die körperliche und ſittliche Entwicklung aufmerkſam im Auge „behalten und ein Gleichgewicht der körperlichen und der geiſtigen Entwicklung herzu⸗ „ſtellen ſuchen..
„Ich darf nun wohl die Überzeugung ausſprechen, daß an den dem deutſchen höheren „Schulweſen geſteckten Aufgaben auch unſere Anſtalt ſich wie früher ſo auch in den „letzten Jahren mit einigem Erfolge beteiligt und insbeſondere auch für die Pflege vater⸗ „ländiſcher Geſinnung gewirkt hat.
[2. Geſchichtliches und Perſönliches.]
„So iſt es mir denn heute eine angenehme Pflicht, in aufrichtiger Dankbarkeit aller „Bewohner von Oppenheim und ſeiner Umgebung zu gedenken, die vor 50 Jahren unſere t„Anſtalt ins Leben gerufen, ſeitdem ſie gefördert, ihr Vertrauen entgegengebracht und es „ihr erhalten haben.
„Die weſentlichſten Anhänger und Freunde der Anſtalt aus den vierziger Jahren „glaube ich in den Einwohnern und Bürgern von Oppenheim wiederzufinden, die bereits
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