„ſiegreichen und doch friedeliebenden Kaiſer Wilhelm den Erſten, verherrlicht, wie „ſo manche gewaltige Schöpfung in den anderen Reichen der Kunſt: der Malerei, der „bildenden und der Baukunſt, der Dichtung und Geſchichtsſchreibung.
„Wir wollen aber am heutigen Tage des großen Kaiſers und ſeiner Zeit, insbe⸗ „ſondere auch des gewaltigen Staatsmannes, des Fürſten von Bismarck, der mit „ihm und den tapferen Kämpfern das deutſche Reich wieder aufgebaut hat, wir wollen „ihrer gerade auch heute gedenken, da viele unſerer höheren Lehranſtalten, und ſo auch die „unſrige, erſt durch die großen Ereigniſſe der Jahre 1866 und 1870/71 ihren jetzigen „Ausbau erreicht haben.
„Deshalb konnte es fraglich erſcheinen, ob wir den Geburtstag der Anſtalt vom „Jahre 1847 oder erſt von 1877 an rechnen dürften, dem Jahre, in dem der heſſiſche „Staat die Anſtalt übernommen hat.
„Ich glaube jedoch, daß Sie ſämtlich, hochgeehrte Feſtgäſte, es als richtig und billig „anerkennen werden, wenn wir unſere Anſtalt mit der Entwicklung vom Jahre 1847 an „bis 77 und weiter bis heute als einen Organismus in ſtetiger Entwicklung betrachten. „Ein ſolcher Organismus wird nun ſelbſtverſtändlich mehr oder weniger durch ſo gewaltige „politiſche Veränderungen, wie die vorhin geſtreiften, beeinflußt, und gerade unſere heſſiſchen „Realſchulen ſind durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Verleihung „des Rechtes, ihre aus der erſten Klaſſe als reif abgehenden Schüler mit dem Zeugniſſe „zum Eintritt in den einjährig⸗freiwilligen Dienſt zu entlaſſen— raſch zum Abſchluſſe „ihrer Organiſation geführt und mächtig gefördert worden.
„Zwar weiß ich, daß auch hervorragende Denker und Pädagogen wie Lagarde dieſe „Verbindung eines ſtaatlichen oder politiſchen Rechtes mit dem Schulbeſuche bekämpft und „angegriffen haben. Aber ſo hoch uns Lagarde ſtehen darf und ſoll, ſo können wir ihm „doch auf dieſem Gebiete nicht in das Reich ſeiner kühnen Ideale folgen, ſondern wollen „beſtrebt ſein, den praktiſchen Standpunkt feſtzuhalten.
„Dagegen möchte ich heute vorerſt kurz einige ideale Forderungen prüfen, die ich ſchon „früher erhoben oder vertreten habe, und die ſich mit der Frage berühren:„wie fördern „wir auf unſeren höheren Lehranſtalten, insbeſondere auf unſerer „Realſchule, die vaterländiſche Geſinnung?
„Ich ſehe dabei von allem Selbſtverſtändlichen ab, und möchte, wie ich es in einer „Arbeit im Jahre 1881 und hier bei meiner Antrittsrede im Jahre 1889 ſchon betont „habe, auch heute hervorheben, daß mir die Heimatliebe und das Heimatgefühl „als die Grundlage des Bürgerſinns und der Vaterlandsliebe „erſcheint.
„Von dieſem Gefühle ausgehend, entwickelt die Schule leicht die Liebe zum großen „und gemeinſamen Vaterlande im Hinweiſe auf die hervorragenden Perſönlichkeiten, auf „gemeinſames Geſchick, Leiden und Dulden, Erhebung und Sieg, aber immer auch recht⸗ „zeitig die Verbindung herſtellend zwiſchen den Geſchicken des Ganzen und des Teiles, „des großen und engeren Vaterlandes, und in dieſem rechtzeitig die Bedeutung des „Heimatortes und der heimatlichen Gegend betonend.
„Wenn nun auch unſer Oppenheim tootz ſeiner Blüte zur Zeit des rheiniſchen „Städtebundes und in der guten Zeit der freien Reichsſtadt, die uns der treue Merian, „vielleicht zwar etwas idealiſierend, feſtgehalten hat, wenn auch unſer Oppenheim vor „gar vielen Städten zurücktreten muß, ſo kenne ich doch keinen Boden, der mehr zu weihe⸗ „vollen geſchichtlichen Erinnerungen und vaterländiſchen Empfindungen anregen dürfte, als „die engere Umgebung unſerer alt⸗ehrwürdigen Stadt, insbeſondere wenige Schritte von hier „nach Weſten auf der Höhe mit einem der großartigſten Rundblicke der geſamten Rheingegend.
„Längs der ganzen Bergſtraße, über die Lagepunkte von Heidelberg und Mannheim, „über den Wormſer Dom, ſchweift der Blick zur Haardt und zum mächtig dominierenden „Donnersberg, dem Idar⸗ und Soonwalde, dem Bingerwalde, dem Rheingaugebirge und „Taunus bis zu Vorhöhen des Vogelsberges und Ausläufern des Speſſart, auch die alten „Krönungsſtädte Mainz und Frankfurt mit dem geiſtigen Blicke erfaſſend— und dieſe „gewaltige Geſichtslinie ſchließt einen Bezirk ein, der uns an die feſſelndſten Ereigniſſe „der alten deutſchen Geſchichte erinnert.


