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mit Vorliebe in einem Punkte auf einen grossen Unterschied zwischen den gleichartigen deutschen und englischen Anstalten hinzuweisen pflegte. Der englische Knabe der höheren Stände sei gewohnt, mit den Lehrern offen und vertrauensvoll zu verkehren. In seinem ganzen Verhalten seinen Lehrern und Kameraden gegenüber sei er in erster Linie bestrebt, vollkommen aufrichtig und ehrenhaft zu sein, die Wahrheit zu sagen, ohne jemanden zu fürchten. Die Lüge gelte für die schlimmste Verletzung der Schuldisziplin. So komme es, dass in England an der Wahrheit der Aussage des Schülers nicht gezweifelt werde. Die Lehrer vertrauen den Schülern und umgekehrt und ein Schüler dem andern. Für den gefürchteten, oft sogar gehassten Meister und Herrn gehalten zu werden, könne dem Lehrer nicht recht sein, es sei vielmehr sein Stolz, nach den Eltern für den besten Freund zu gelten. Diese schöne und würdige Auffassung des gegenseitigen Verhältnisses sei in deutschen Schulen leider noch nicht allenthalben zur vollkommenen Herrschaft gelangt. Die Schüler wurden von dem Direktor aufgefordert, dieser allein richtigen Anschauung durch Wort und Tat zum bleibenden Siege zu verhelfen. In diesem Bestreben würden sie in ihm stets einen hilfreichen Förderer finden. Auch sei der Direktor seiner ganzen Stellung nach nicht nur Hüter der staat- lichen Forderungen, er sei auch ebensosehr Freund und Berater der Schüler und desgleichen Anwalt der Eltern, die mit der Schule zu einem geregelten Gedeihen vertrauensvoll zusammenarbeiten müssten. Mit einem stimmungs- vollen Gesange der Schüler schloss die würdig verlaufene Feier.
3. Zur Erinnerung an Professor Theodor Klein.
Am 23. November 1905 riss der Tod eine recht schmerzliche Lücke in unseren Lehrkörper. Herr Professor Theodor Klein erlag einer längeren Krankheit. Seit dem 1. April 1884 war er Gymnasiallehrer in Mainz. Seine Tätigkeit im Dienste des Unterrichts und der Erziehung war höchst erspriesslich, und somit bedeutet sein Tod einen grossen Verlust für unsere Anstalt. Unsere ganze Schule, ebenso der Lehrkörper des Herbstgymnasiums und dessen obere Schulklassen, ausserdem viele andere Vertreter der hiesigen Lehrerschaft und sonstige Leidtragende gaben bei der Überführung der Leiche nach Darmstadt dem Verstorbenen bis an die Rheinbrücke das Ehrengeleite. Die sterbliche Hülle des Verblichenen wurde auf dem Darmstädter Friedhofe der Erde übergeben, wo sich auch eine Abordnung der Amtsgenossen und Schüler eingefunden hatte. Am Grabe entwarf der Unterzeichnete der zahlreichen Trauerversammlung ein Bild des trefflichen Mannes in seinem Wirken als Lehrer und Erzieher. Zu Büdingen sei es gewesen im Herbst 1883, wo der Unterzeichnete als junger Lehrer den in der Vollkraft des Lebens Stehenden kennen gelernt habe, und mit Vergnügen erinnere er sich jetzt noch an den vertrauenerweckenden Eindruck, den das ganze Wesen dieses Mannes auf ihn damals gemacht habe. Und als der Unterzeichnete im Wandel der Zeiten vergangenes Jahr als Direktor an das Ostergymnasium zu Mainz berufen worden sei, da habe er sich gefreut bei der Kunde, dass ihn bei seiner Einführung Professor Klein als Sprecher des Lehrerkollegiums begrüssen sollte. Welch' düsterer Schatten von Wehmut hätte sich bei dieser Feier auf seine Stimmung geworfen, wenn er sich hätte denken sollen, dass er sich nach kaum sieben Monaten der schmerzlichen Aufgabe unterziehen müsste, am Grabe dieses würdigen Mannes das Wort zu ergreifen. Aber auch in dieser kurzen Zeit habe er ihn als wohlwollenden Freund und Berater von neuem schätzen gelernt.
In weiterer Ausführung hob der Unterzeichnete besonders des Verblichenen ungekünstelte Freude am Verkehr mit der Jugend hervor, welche die unerlässliche Bedingung für eine gedeihliche Lehrtätigkeit sei. Ferner betonte er eine andere höchst schätzenswerte Eigenschaft seines Wesens, nämlich seine besonnene und massvolle, seine taktvolle und versöhnliche Art, die ihm als Religionslehrer nicht wenig zu statten gekommen sei und womit er in seinem ganzen Walten nach allen Seiten hin die beste Wirkung erzielt habe. Nachdem der Unterzeichnete sodann unter anderem noch die feine Auffassung des Verstorbenen von der Würde des Lehrerberufes geschildert und gerühmt hatte, die dessen innerstes Wesen durchdrungen habe, legte er im Namen der Schule eine Kranzspende am offenen Grabe nieder.
Dem trefflichen Lehrer und Erzieher, dem liebenswürdigen Amtsgenossen und zuverlässigen Freund werden alle, die ihm näher getreten sind, ein treues und dankbares Andenken bewahren.
4. Weitere Personalnachrichten.
Durch Allerhöchstes Dekret mit Wirkung vom 1. Mai 1905 wurde Herr Professor Dr. Denig zum Direktor der Realschule und des Progymnasiums in Bingen ernannt. Die besten Wünsche aller Kollegen begleiteten ihn in die neue ehrenvolle Stellung. An seine Stelle trat Herr Oberlehrer Dr. Schrohe, seither am Gymnasium in Bensheim. Für den an das Gymnasium nach Giessen versetzten, um unsere Schule höchst verdienten Physiker, Herrn Professor Dr. Fink, wurde Herr Professor Dr. Noack, bis dahin Oberlehrer am Gymnasium in Giessen, an das Oster-


