Aufsatz 
Untersuchungen über die Wortfolge der Umgangssprache / von Hans Reis
Entstehung
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S. 81 ff. die Rede des elsässischen Abgeordneten Winterer, z. B.: der(Fall) kam vor nicht vor kurzer Zeit, sondern im vergangenen Jahre in Elsass-Lothringen. ELin unbescholtener Geisllicher wurde angeklagt einer Majestätsbeleidigung durch ein Weib... Diese Maſestütsbeleidigung soll begangen worden sein bei einem Sterbebette. Es ist das dritte Mal, dass ich hier reden muss von Geistlichen, von angeklagten, aber als unschuldig erkannten Geistlichen u. s. w. Dieses Beispiel halte ich jedoch für wenig glücklich gewählt; denn die Rede ist von einem elsässischen Ab- geordneten gehalten worden, der in französischer Sprache seine politischen Schriften verfasst hat. Sollte man also gerade hier nicht Einwirkungen des Französischen annehmen dürfen?

Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Volkssprache auch hie und da das Wichtigere im Nachtrag bringen kann; warum sollte es denn nicht möglich sein, dass auch in der Umgangs- sprache wie in der Schriftsprache eine solche spannende Wirkung auf den Hörer beabsichtigt und daher eine besondere Wortfolge gebraucht wird? Auch der andere Fall ist ja möglich, dass der für die Hauptvorstellung nötige Ausdruck dem Sprechenden nicht so geläufig ist und daher anderes sich vordrängt. Doch möge auch auf folgendes aufmerksam gemacht werden. Ein Nachtrag mit besonderer Bedeutung kommt in den aus der Darmstädter Mundart angeführten Beispielen nicht vor; man kann ihm im besten Falle eine gleiche inhaltliche Wichtigkeit zuschreiben, jedoch ruht auf ihm niemals ein stärkeres Gewicht als auf dem vorher Mitgeteilten. Auch in der Mainzer Mundart dürfte Gleiches der Fall sein. Diese Erscheinung lässt sich bis zu einem gewissen Grade auch psychologisch begründen. Wenn das im Nachtrag Mitgeteilte inhaltlich wichtiger sein mag als das vorherige, so wird doch das, was die Seele des Sprechenden besonders beschäftigt, natur- gemäss zu möglichst schnellem Ausdruck drängen, und das, was dem Geiste während des Sprechens noch beifällt, wird nur dann noch schnell dem Satze zugefügt werden, wenn ihm keine besondere Bedeutung beigemessen wird. Was dem Sprechenden wichtiger erscheint, wird die Seele so sehr erfassen, dass eine ganz anvermittelte Hinzufügung nicht stattfinden kann; eine ziemlich starke Pause wird durch die Natur der Sprache eintreten müssen, nach dieser wird sich aber die syn- taktische Anpassung des neuen Gedankens an den vorhergehenden Satz kaum mehr vollziehen lassen, in der Regel wird also kein Nachtrag, sondern ein neuer Satz gebildet werden.

Aus den angeführten Beispielen ersehen wir noch eine andere, für den Nachtrag wichtige Tatsache. Diejenigen Satzteile nämlich, die eine notwendige, unentbehrliche grammatische Ergänzung des Zeitworts bilden, können in der Regel nicht als Nachtrag verwendet werden. Hierzu gehören das Subjekt, und für den Fall, dass das Zeitwort für sich allein keine abgeschlossene Bedeutung haben kann(relatives Zeitwort), auch noch Objekte und prädikative Attribute. In den meisten Fällen werden demgemäss Adverbia und präpositionale Ausdrücke für den Nachtrag ge- braucht, nicht so häufig Dative, dagegen ganz selten Nominative und Akkusative. Schon im Althochdeutschen finden sich diese Unterschiede, wie ich in der Zeitschrift für deutsche Philologie Bd. 33 S. 345 f. gezeigt habe.

Dass in unserer Umgangssprache Satzteile, die eine unentbehrliche Ergänzung des Zeitworts bilden, auch als Nachtrag verwendet werden, ist selten und wird auch als eine Anakoluthie, d. h. als etwas Unregelmässiges, wenn nicht Fehlerhaftes empfunden. Voraussetzung ist hierbei noch, dass der am Ende stehende Satzteil dem Sprechenden nicht sehr geläufig ist; und selbst dann ist unsere Umgangssprache so sehr an die überlieferte Wortfolge gewöhnt, dass anstelle des nicht geläufigen Wortes in der Regel ein unbestimmtes oder hinweisendes Fürwort tritt, woran sich der Nachtrag als Apposition anschliesst. Für den Satz dass ich hier reden muss von Geistlichen, von angeklagten, aber als unschuldig erkannten Geistlichen würde unsere Volkssprache sagen dass ich hier von denen reden muss, von Geistlichen, wie es denen gegangen ist u. s. w.