Aufsatz 
Untersuchungen über die Wortfolge der Umgangssprache / von Hans Reis
Entstehung
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Vom inhaltlichen Gesichtspunkte aus ist der Nachtrag seinem Ursprunge nach ein neuer Satz, indem an den bereits geschlossenen Satz ein neuer Gedankenausdruck hinzugefügt wird. Auch phonetisch kommt dies zur Bezeichnung, wenn zwischen Satz und Nachtrag eine Pause wie zwischen zwei vollkommenen Sätzen gemacht wird. Selbst hinweisende Adverbia können, wie bei einem Satze, angefügt werden. Z. B.: jetet seid einmal ruhig da, ihr Kinder, mit eurem Ge- schrei da. Von den oben angeführten Beispielen könnte man diejenigen hierher rechnen, in denen der Nachtrag durch ein Komma oder durch das Wörtchen und äusserlich vom Satze getrennt ist. Es zeigt sich hierbei aber, dass es verhältnismässig seltene Fälle sind, in denen die ursprüngliche Selbständigkeit des Nachtrags noch erhalten ist. Wenn in diesen Fällen der Nachtrag durch den vorhergehenden Satz im Casus bestimmt wird, so wird seine Selbständigkeit hierdurch so wenig beeinflusst, wie die Selbständigkeit einer grossen Anzahl vollkommener Sätze, die inhaltlich und durch Bindewort unter dem Einfluss des vorhergehenden Satzes stehen.

Vollständig als ein Teil des Satzes wird der Nachtrag dann angesehen werden müssen, wenn er phonetisch in diesem aufgeht, d. h. wenn er an diesen ohne jede grössere Pause, wie sie zwischen Sätzen besteht(in den Dialektbeispielen also ohne Komma), angefügt wird. Dieser Fall tritt ein, wenn die Nachtragsvorstellung schnell und leicht gebildet wird, und das ihr entsprechende innere Wort fertig ist, bevor der Satz zu Ende ist. Und dies dürfte ziemlich oft der Fall sein. Denn mit den meisten neu auftauchenden Vorstellungen, also auch mit den im psychologischen Prädikate ausgedrückten, entsteht gewöhnlich noch eine Anzahl von anderen, mit ihnen verwandten Vor- stellungen, und eine von diesen wird in der Regel zu dem Gesagten eine so enge Beziehung haben und für den Redenden so wichtig sein, dass ihre UÜbersetzung in die Sprache und die Anfügung dieses Sprachausdruckes ohne weiteres erfolgt.

Diese Tatsache der Begleitvorstellungen, die zugleich mit einer neu auftauchenden Vorstellung erwachen, ist leicht erklärlich, wenn man die Wahrnehmungen sondert. Mit einem wahrgenommenen Gegenstande werden zugleich auch andere Dinge und die mannigfachsten Zu- stände, Eigenschaften und Beziehungen derselben wahrgenommen. Natürlich kann nur ein sehr kleiner Teil solcher Begleitvorstellungen, meist nur eine derselben, in einem zum Satzteil gewordenen Nachtrag ausgedrückt werden. Für das übrige ist ein neuer Satz nötig, falls es überhaupt einen sprachlichen Ausdruck findet; denn von diesen Begleitvorstellungen wird der grösste Teil überhaupt nicht mitgeteilt, sei es, weil sich der Sprechende der wenigsten klar bewusst wird, sei es, weil er den besonderen Ausdruck derselben als entbehrlich für den Hörenden erachtet.

Nun kann es ferner vorkommen, dass sich eine solche Begleitvorstellung leichter und schneller ausdrücken lässt als die Hauptvorstellung oder aus irgend einer Ursache in den Vordergrund des Bewusstseins tritt. Dann tritt die Hauptmitteilung an den Schluss, und das der Begleit- vorstellung entsprechende Wort wird vorangestellt. Die Hauptvorstellung ist in solchem Falle dem Sprechenden wenig geläufig und dem Hörenden wenig bekannt, wenn nicht völlig neu. In der Schriftsprache existiert diese Erscheinung als ein bekanntes Mittel, um die Erwartung des Hörers oder Lesers besonders zu erregen. In der Tat wird deren Interesse schon durch die un- gewöhnliche Wortstellung geweckt. Wenn nun z. B. in einer Rede nach Voranstellung alles dessen, was ausserdem noch etwa gesagt werden könnte, auch eine grosse Pause vor diesem wichtigen Worte gemacht wird, so ist die Ungeduld des Hörers auf das Höchste gesteigert und seine Teil- nahme ganz besonders geweckt. Ist diese Erscheinung auch der Umgangssprache geläufig? W. Reichel führt in seinenSprachpsychologischen Studien eine ziemliche Anzahl von Reden an, die das häufige Vorkommen eines stark betonten Nachtrags dartun sollen. Insbesondere

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