Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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274 Böhmers Actusreden und ſeine Apologie vom 27. Juli 1792.

wähne und träume als ihr, ohngeachtet ihr ſelbſt um nichts dadurch gebeſſert ſeid, daß ich ſo und nicht anders über dieſe Dinge denke. Dann rühmt Böhmer die verewigten Kaiſer Joſeph II. und Leopold Il. und König Friedrich II. von Preußen.Intoleranz verfehlt ihren Zweck. Druck wegen der Religion macht nur hartnäckiger, Widerſtand feuriger.Endlich überzeugt uns der allgemeine Gang der Natur, daß kein Sandkorn dem andern gleich ſei, daß es alſo höchſt unge⸗ reimt iſt, Andere wegen der Verſchiedenheit ihrer Meinungen und Denkart, die doch größtentheils auf der natürlichen Verſchiedenheit ihrer Geiſtes⸗ und körperlichen Kräfte, auf ihrer Erziehung und tauſend anderen unwillkürlichen Umſtänden beruht, nicht dulden oder gar verdammen und verfolgen zu wollen.Ein Laſter, das den geheiligſten Rechten der Menſchheit und der geſunden Vernunft widerſtreitet, verdient doch wohl unſren ganzen Abſcheu, wird mit Recht der Abſchaum der Hölle genannt. Im Anſchluß an dieſe Polemik läßt Böhmer ſeinen Schüler Pfeffels Gedicht vortragen:Es ſtritten ſich im Todesthal Ithuriel und Belial um einen angekommnen Schatten. Es war ein armer Inquiſit, den wilde Prieſter in Madrid zu Gottes Preis gebraten hatten. Der Dämon ſprach:Er ſtarb im Bann, die Kirche ſelbſt gab ihn der Hölle. Der Seraph: Redlich war der Mann; im Paradies iſt ſeine Stelle. ꝛc. Gleichzeitig läßt Böhmer aus demſelben Geiſte ſeinen Schüler Georg Friedrich Greiner aus Worms eine Rede vortragen: Menſchenliebe die Seele des Chriſtenthums.Wenn ich mit Menſchen⸗ und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, ſo wäre ich ein tönend Erz und eine klingende Schelle.Wenn ein Chriſt keine thätige Menſchenliebe beſitzt, ſo ſchmeichelt er ſich umſonſt mit einer Seligkeit durch den Glauben, wenn ihm die Liebe abgeht. Er gleicht einer Schelle, welche ſchönen Ton von ſich gibt, aber bei näherer Beſichtigung leer und leblos erſcheint. Dieſe erhabenſte Lehre beſtätigte Jeſus durch das reizendſte Beiſpiel. Sein ganzes Leben war eine Reihe edler menſchenfreundlicher Handlungen. Seine Liebe umfaßte ſelbſt Feinde, und noch im Tode betete er für ſeine Mörder. Dieſer Rede der Liebe reiht Böhmer Pfeffels Gedicht:Der Bramine an. Als der Bramine in ſeiner Andacht von dem zelotiſchen Minoriten tödtlich verletzt wird, tritt Jeſus hinzu, verurtheilt dieſen und rechtfertigt jenen mit den Worten:Dieſer iſt, ſo wahr mein Vater lebt, kein Chriſt! Ein Satan iſt er, ein Vergifter der menſchlichſten Religion.Und Du, wer biſt Du? Herr! Ihr Stifter! verſetzte ſanft des Menſchen Sohn, den jetzt der Gottheit Stirnband ſchmückte, und warf dem Greis, der ſchreckenlos in ſüßer Anbetung zerfloß, vom Wolkenthron, der ihn entrückte, noch einen Blick der Weihe dar, der mehr für ihn als Taufe war. Rector und Viſitator, Con⸗ ſiſtorium und Scholarchat, Städtmeiſter und Rath laſſen ſolche Verurtheilung öffentlich über ſich ergehen: ein Beweis dafür, daß das reichsſtädtiſche Gemeinweſen, das zur Wahrung ſeiner Inſti⸗ tutionen und zur Verhütung gefährlicher Umwälzungen Jahrhunderte lang ſeine weltlichen und kirchlichen Ordnungen ängſtlich beibehalten, nun nicht mehr im Stande war, den Gedanken der Aufklärung in rechter Weiſe, durch Aneignung des Berechtigten und Bekämpfung der Frechheit, zu begegnen, als ſich die Weltanſchauung Bahrdts in dem kleinen Profeſſor Böhmer verkörpert hatte.

Am 27. Juli 1792 überreicht Prof. Böhmer zum Zweck der geforderten Berichterſtattung an den Kaiſer dem Conſiſtorium eine im Wormſer Archiv noch befindliche Vertheidigungsſchrift von 223 Folioſeiten unter dem Titel:Pflichtmäßige Apologie oder Behauptung meiner Ehre und Unſchuld gegen den ſogenannten Officialbericht des Herrn Profeſſor Herwig, einem löbl. Con⸗ ſiſtorium dieſer freien Reichsſtadt Worms gehorſamſt überreicht von Dr. Georg Wilhelm Böhmer ꝛc. In dieſer Schrift, die für die Geſchichte des Gymnaſiums zu Worms beſonders deshalb werthvoll iſt, weil derſelben als Beilagen alte Programme der Anſtalt und andere geſchichtliche Notizen beigefügt ſind, behandelt Böhmer die Entſtehung und den Verlauf ſeiner Streitigkeiten, vertheidigt