Ein öffentlicher Scandal, Sept. 1790. 271
dem Conſiſtorium ſeine Replik gegen Herwig Anſchuldigungen, der ihm eine durchaus unberechtigte Irrlehre zum Vorwurf gemacht hatte. Auch in dieſer Schrift legte Böhmer ſeine rationaliſtiſche Richtung, keineswegs religionslos, dar, aber in der Ueberzeugung, daß die Religion und Gottes Daſein und Wirken nicht im Widerſpruche zur exacten Erfahrung und zu der von der Religion erleuchteten Vernunft ſtehen könne oder dürfe.„Der Glaube iſt elend, deſſen Prüfung nicht vor⸗ hergegangen iſt.“ Man fühlt es aus den Proceß⸗ und Ketzeracten heraus, daß Rath und Conſi⸗ ſtorium den Gedanken Böhmers eine gewiſſe Berückſichtigung nicht verſagten. Allein das wild ſich auflehnende Vorgehen deſſelben, die rückſichtsloſe Verfolgung und Anfeindung jeder anderen Auffaſſung machten Böhmers Denk⸗ und Handlungsweiſe auch für innerlich demſelben verwandte Naturen unerträglich. Von der oberflächlichen Aufklärung und der herausfordernden Lehrweiſe Böhmers gilt des Dichters Wort:„Sie kann nur zünden und äſchert Stadt und Länder ein.“ Denn nachdem Böhmer in Worms die Gemüther der Reichsſtädter in zwei feindliche Lager geſpalten, ruft er den franzöſiſchen Revolutionsgeneral nach Worms und zieht mit ihm in Mainz ein, um im Jacobinerclub ſeine Revolutionsgedanken ausſprühen zu laſſen und bei der Erniedrigung und Verheerung des Rhein landes hülfreiche Hand zu leiſten.
Auch am 27. Sept. 1790 prüft Conrector Prof. Böhmer, wie zwei Jahre vorher, bei dem öffentlichen Examen ſeine Schüler über die Lehre von den guten und böſen Engeln. Es ſei ſchwer, führt er aus, mit den Begriffen von der durch Jeſum ſo herrlich geoffenbarten Vaterliebe Gottes zuſammenzureimen, daß dieſer Gott Menſchen lieben und zugleich die Zahl der Verſuchungen, mit welchen ſie in Folge der Mängel ihrer Natur zu kämpfen haben, noch durch die Verſuchungen hölliſcher Geiſter vermehren ſollte. Die Bibel ſage, Jac. 1. 14: Ein jeglicher wird verſucht, wenn er von ſeiner eigenen Luſt gereizt und gelocket wird. Ob ein hölliſcher Geiſt die Menſchen im Paradies verführt habe, laſſe ſich nicht mit Beſtimmtheit behaupten. Denn man könne nicht aus der Bibel beweiſen, daß die im erſten Buch Moſis 3. 1. namhaft gemachte Schlange ein Teufel geweſen ſei.„Bis hierher hatten die Zuhörer, namentlich die verehrteſten Herrn Scholarchen, auf⸗ merkſam zugehört“, ſchreibt Böhmer in ſeiner dem Conſiſtorium eingereichten Apologie.„Jetzt ſagten Ihre Hochwürden Herr Pfarrer Senior Muhl:„Ja, die Schlange iſt doch wohl der Teufel geweſen!“ Böhmer:„Ich dächte doch kaum!“ Muhl:„Ja, ja! Wo ich nicht irre, ſo hat der ſelige Herr Dr. Brenner dieſes in ſeiner notitia salutis umſtändlich beſchrieben.“ Böhmer: „Entſcheidend läßt ſich hierüber nichts feſtſetzen. Wenn man auch wirklich unter der Schlange den Teufel verſtehen will, ſo iſt dieſe Meinung kein Glaubensartikel, zumal da die Bibel nichts Deut⸗ liches hierüber ſagt. Soviel iſt gewiß, daß in jenen Capiteln unmöglich alles, wie z. B. der Umſtand, daß Gott den erſten Menſchen Kleider gemacht habe, wörtlich verſtanden werden kann.“ Magiſter Dackermann:„Ich dächte aber doch, in der Offenbarung Johannis ſtünde:„Der Drache, welcher die ganze Welt verführet“. Böhmer:„Alſo verführt er Sie auch? Herr College! Ich dächte, was zu viel beweiſt, beweiſt nichts.“ Böhmer ging zu einer andren Lection über, Magiſter Dackermann beweiſt ſeine Rechtgläubigkeit mit dem vorwurfsvollen Worte:„Unſinn!“
Die in dieſer Weiſe von Böhmer und Herwig veranlaßten Streitigkeiten über Orthodoxie und Heterodoxie regten die Wormſer Bürgerſchaft ſo ſehr auf, daß die Verhandlungen des Raths, Scholarchats, Eonſiſtoriums häufigſt in die heftigſten Zänkereien ausarteten, weil die beiden Ver⸗ treter des Aberglaubens und des Unglaubens in dieſen Körperſchaften und unter den Bewohnern der Stadt eifrige Freunde und Gegner hatten. Dieſe Zwiſtigkeiten wurden aber um ſo gefähr⸗ licher, weil unter den Einwohnern der Stadt ſchon längere Zeit auch ein Gegenſatz zwiſchen den ariſtokratiſch⸗ oligarchiſchen Rathsgeſchlechtern und der großen Bürgerſchaft hervorgetreten war.


