270 Der Dreizehner J. D. Knode unterſtützt Böhmer.
Scholarch, Conſiſtorialrath und Dreizehner den ketzeriſchen Conrector ſchützte und ſtützte, Herwig dagegen unter Benutzung einer Mißſtimmung der Bürgerſchaft gegen das Dreizehnercolleg die Streitſache an den Kaiſer brachte. Viſitator Sen. Muhl, der auch die guten Gaben Böhmers kannte und mit deſſen Vater correſpondirte, hatte gehofft, durch freundlichen Zuſpruch den Freigeiſt in den Schranken der Beſonnenheit zu halten. Allein er erntete dafür keinen Dank. Zunächſt griffen ihn in theologen Blättern orthodoxe Theologen an, weil er aus Menſchenfurcht Gottes Ehre außer Acht laſſe. Schon im Februar 1789 ſah er ſich genöthigt, dem Magiſtrat und dem Conſiſtorium ein Promemoria zu überreichen, in dem er die Gefahren darſtellte, welche die theologiſche Polemik in der Schule für die Jugend und in der Stadt für die Religioſität, Sittlich⸗ keit, Beſtändigkeit, Verfaſſungstreue und Geſetzlichkeit der Bürger der Reichsſtadt mit ſich⸗ führen würde. Muhl ſprach damals folgende Forderungen aus. So lange ſich die Reichsſtadt Worms zu Regensburg noch nicht von den evangeliſchen Ständen getrennt habe, müßten die ſym⸗ boliſchen Bücher, die von allen evangeliſchen Reichsſtänden anerkannt ſeien, auch in Worms gelten, und alle öffentlichen Lehrer ſeien verbunden, bei Verluſt ihres Amts ſich darnach zu richten. Des⸗ halb müßten die vier Pfarrer und die vier Gymnaſiallehrer einen feierlichen Eid leiſten, daß ſie ſich mit Herz und Mund zur unveränderten Augsburgiſchen Confeſſion und den übrigen ſymboli⸗ ſchen Büchern der evangeliſchen Kirche bekennen wollten. Dieſer Eid ſolle von jedem Pfarrer und jedem Gymnaſiallehrer vor dem Conſiſtorium eigenhändig unterſchrieben werden, mit dem Anfügen, daß wenn einer derſelben auch nur ein einzigesmal vor der Gemeinde oder in dem Gymmnaſium gegen die lutheriſchen Bekenntnißſchriften verſtoße, derſelbe ſich für meineidig wie auch ſeines Amts verluſtig erkläre. Der Conflict zwiſchen Aberglaube und Unglaube hatte ſchon im April 1789 die Gemüther ſo ſehr erregt, daß Muhl ſich weigerte, noch einer Sitzung des Scholarchats oder des Conſiſtoriums anzuwohnen.„Denn bei allen dieſen Sitzungen entſteht ein ſo fürchterliches und tumultuariſches Geſchrei, gleich einem polniſchen Reichstage, worüber alle Einheimiſche und Fremde ſpotten müſſen. Rector Herwig hat ſeine Stützen, Gönner und Freunde, Conrector Böhmer hat auch die ſeinigen. Wenn nun ein unparteiiſcher Mann zwiſchen beide ſtreitende Theile tritt und Friede ſtiften will, ſo wird er zur Belohnung ſeiner Sanftmuth und Milde auf’s Grauſamſte geklemmt.“ Aber der Dreizehner J. D. Knode erklärt noch am 3. Juli 1789:„Mich blenden keine Vorurtheile, noch weniger heuchleriſche Mienen, und werde daher das Schatten⸗ und Blend⸗ werk aller Welt entdecken.“
Als Wormſer Eltern über Böhmers freie Lehre Klage führen, muß ſich derſelbe am 21. April 1789 zum erſtenmal vor dem lutheriſchen Conſiſtorium vertheidigen; und er geſteht zu, gelehrt zu haben:„Gott habe die Verfaſſer der bibliſchen Schriften nur während des Schreibens geſtärkt und befeſtigt und vor Irrthümern bewahrt; nicht alle Chriſten könnten ſich von dem höheren Urſprung der Wunder Moſis überzeugen; die Lehre von der Dreieinigkeit, die zwar auf die Bibel gegründet ſei, enthalte manche von Menſchen erfundene Zuſätze, die dieſe Lehre unbe⸗ greiflicher machten und nur inſofern für untrüglich angeſehen werden dürften, als ſie mit der höchſten Richtſchnur des göttlichen Wortes übereinſtimmten; der Spruch 1. Joh. 5—7 ſei unächt; das„Vater Unſer“ ſolle man nicht gedankenlos und allzu oft herſagen, ſondern die Gedanken desſelben zur Grundlage der Gebete machen; wie Chriſtus ſich einen Weinſtock, ſeinen himmliſchen Vater einen Weingärtner nenne, ſo habe er ſich auch in den Einſetzungsworten des Abendmahls einer bildlichen Ausdrucksweiſe bedient und die Erklärung der Reformirten verdiene den Vorzug, wie man auf die Wandkarte deute und ſage:„das iſt Amerika“, ſtatt zu ſagen:„das bedeutet Amerika oder das iſt das Bild, Zeichen von Amerika.“ Am 24. Dezember 1789 überreicht Böhmer


