Die erſte Rachtung zwiſchen Biſchof und Stadt vom J. 1233. 7
des biſchofs lehenleut waren, die wollten das nit mehr leiden, und entſtund deshalben zweitracht und ohneinigkeit zwiſchen den burgern. Da dies der rath vermerkte, da war groß ſorg und angſt, und beſorgte ganz verderben der ſtadt und alles böſes, ſo daraus und darvon entſtehen würd, wenn ſich die zweitracht gemehrt hätt. Obgenannt biſchof, der faſt mächtig war vom adel, er⸗ fordert ſeine freund und umbliegende ritterſchaft, die grafen von Leiningen und andere viel: da hat ein rath ſorg, ſie möchten in der zweitracht und uneinigkeit der burger die ſtadt gar verlieren, und war alſo mit verwilligung könig Heinrichs, kaiſer Friedrichs ſohn, durch etliche ſchiedleut, nämlich den biſchof von Mainz, biſchof von Speier und markgrafen von Baden der erſt vertrag zwiſchen dem biſchof und den burgern zu Worms aufgericht zu Frankfurt*) anno 1233 den 17. tag hornungs.“(Nach Zorns Originalhandſchrift.)
Die fünfzehn Artikel der Rachtung des Jahres 1233 ſäeten die Saat der Zwietracht für die folgenden dreihundert Jahre, ſo daß ſchließlich die Stadt Worms im Zeitalter der Re⸗ formation auch in kirchlicher Hinſicht vom Bisthum abfiel. Die weſentlichſten Beſtimmungen dieſer verhängnißvollen Rachtung find folgende: In den Rath wählt der Biſchof 9 Bürger, dieſe wählen dazu 6 in der Stadt anſäſſige Ritter; dieſe fünfzehn beſitzen mit dem Biſchof den Rath; entfernt ſich der Biſchof für längere Zeit aus dem Lande, ſo gibt er dem Rathe einen ſtellvertretenden Vorſitzenden. Biſchof und Rath wählen jährlich auf Martini den Schultheißen und die Amtleute. Biſchof und Rath wählen aus jeder Pfarrei vier Männer, die mit der Verwaltung des Ungelts beauftragt werden: mit dieſen und mit dem Rath der Fünfzehn ſorgt der Biſchof für den Vortheil der Stadt. Wenn einer der 9 Bürger ſtirbt, wählt der Biſchof einen Erſatzmann, wenn einer der 6 Ritter abgeht, wählen die neun Bürger ſeinen Nachfolger. In gleicher Weiſe werden Erſatzmänner gewählt für bürgerliche oder ritterliche Rathsherrn, die auf Reiſen gehen oder ein Jahr lang abweſend ſind. Der König wählt aus den bürgerlichen Rathsherrn den einen, der Biſchof aus den ſechs Rittern des Raths den andren Bürgermeiſter. Die Zünfte wurden beſeitigt, nur die Innungen der ſog. Hausgenoſſen(d. i. der adelichen Münzer, die Vaſallen des Biſchofs waren) und der Wildwerker wurden beibehalten. Nach dieſen Beſtimmungen war der Rath nicht mehr eine unabhängige Obrigkeit, die alle ihre Gewalt unmittelbar vom Kaiſer ableitete, ſondern faſt ein biſchöflicher Rath, und der Biſchof nahm nun an allen jenen Rechten Theil, die dem Rath ſeit mehr als hundert Jahren von den ſaliſchen und hohenſtaufiſchen Kaiſern verliehen worden waren. Die Rachtung des Jahres 1233 ſtellte alſo nicht ein früheres Verhältniß wieder her, ſondern der Biſchof eignete ſich die Errungenſchaften der Stadt an.**) Als der Vertrag zwiſchen Biſchof und Stadt geſchloſſen war, zog der Biſchof mit der Geiſtlichkeit nach Neuhauſen; dahin kamen dann die gedemüthigten Bürger von Worms. Nachdem ſie vor dem Biſchof auf die Kniee geſunken, wurde ihnen Abſolution ertheilt; und ſie zogen dann mit dem Biſchof in die Stadt ein, wo der Gottesdienſt, nachdem er ein Jahr lang geruht, wieder eröffnet wurde. Die Beſtimmungen der neuen Verfaſſung wurden im Frühjahr 1233 durchgeführt.
„Seit der Zeit nun bisher“— ſchreibt Zorn in ſeiner Originalhandſchrift—„faſt in die 333 Jar, iſt für und für und beinahe zwiſchen allen geweſenen biſchofen und der ſtadt, des erſten
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*) Nur die vorläufige Feſtſtellung der wichtigſten Punkte war in Frankfurt im Jahr 1282 erfolgt, der Abſchluß und die Vollziehung des Vertrags, der ſog. erſten Rachtung, zwiſchen Biſchof und Stadt erfolgte, nachdem mittlerweile Biſchof Heinrich in einer Fehde gegen den Landgrafen von Thüringen in deſſen Gefangen⸗ ſchaft gerathen und wieder ausgelöſt worden war, zu Oppenheim am 21. Febr. 1233. Vgl. Arnold, Verf.⸗ Geſch., B. 2, S. 29.
*) Arnold, Verfaſſungsgeſchichte der deutſch. Freiſtädte, B. 2, S. 19—39.


