Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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Biſchof Heinrich II. und das Edict von Ravenna 1232. 5

zwingen, von der Munizipalverfaſſung, welche die Huld der ſaliſchen und hohenſtaufiſchen Kaiſer der Stadt geſchenkt, werthvollſte Rechte aufzugeben. Das geſchah in jener Zeit, als Friedrich H., in Italien in Kämpfe verwickelt, anſtatt in Deutſchland die Kaiſermacht durch Förderung der Städte und der Ritterſchaft den Fürſten gegenüber zu ſtärken, durch ungünſtige Reichsgeſetze die Städte den weltlichen und geiſtlichen Fürſten preisgab, da er deren Hülfe nöthig hatte. Gleichwohl freute er ſich oft, wenn der Widerſtand der Städte dieſe Fürſten bedrängte, die nur auf Koſten der Kaiſer⸗ macht ihre Gewalt zu vermehren ſuchten. Wie Friedrich II. die Schutzverbindungen der Städte verbot, ſo beſeitigte er durch das Edict von Ravenna die Freiheit der Stadtgemeinden, ihre Räthe, Bürgermeiſter und ſonſtige Beamten. Dieſe Aufhebung der alten Privilegien war ein um ſo größeres Unrecht, als die Freiſtädte dieſelben einſt dadurch erwarben, daß ſie den Kaiſern mit großen Opfern ſchwere Dienſte leiſteten und in der Noth ihre Treue bewieſen. Und während nun die den Städten ſeit der Zeit Heinrichs IV. aus der Fülle der Gewalten der Kaiſerkrone zu⸗ gefloſſenen Rechte zurückgefordert wurden, verblieben den Fürſten die in derſelben Zeit ihnen gewordenen Privilegien.

Die gedachten Angriffe des Biſchofs Heinrichs II. erzählt Zorn in der urſprünglichen Chronik.Anno 1217. Nach dem tod biſchofs Leopoldi von Schönfelt, wird Henrich, propſt zu Neu⸗ hauſen und ein Graf von Saarbrücken, biſchof, welcher ſich mit ungelt, die pfaffen belangend, welche er in allem ihrem einkommen gefreiet wollt haben, ſo vormals allein des ungelts und zolls von ihren präbenden frei waren und beſetzung des raths vieler neuerung in der Stadt Wormbs unterſtanden, welche ein anfang und urſachegeweſenalles unraths, ſchadens, kriegs und letzten verderbens der ſtadt. und iſt alſo zugangen. bei zeiten kaiſer Friedrichs des andren und darvor viel jahr, und alſo lang, daß niemands glaublich anders beweiſen mag, da hat ein rath zu Wormbs ſich ſelbſt beſetzt, alle ſachen geregiert. ſund ſo einer aus dem rath geſtorben, haben ſie aus den ihrigen einen an deſſen ſtatt ohn des biſchofs willkür vermög der freiheiten, ihnen von kaiſern und königen gegeben, erwählet)*)und hat damit ein Biſchof nit zu thun gehabt. da ſeind auch zu rath gangen 12 ritter und 28 edlen, ſo der Zeit burger(denn beinah alle vom adel, ſo jetzund uf dem wormſer gau und darumb wohnen, ſeind etwan in der ſtadt als burger geſeſſen, welchen doch die uneinigkeit hat urſach geben hinauszuziehen). und iſt Wormbs in ſolchem redlichen vermögen geſtanden, daß ſie merkliche thaten dem heiligen reich vollbringen, ſauch vielen kaiſern und königen, ſo von ihren feinden bedrängt geweſen, großen beiſtand und hülf in ihren äußerſten nöthen erzeigt),wie ſolches alle Chroniken weitläufig bezeugen und ausführen.(Vergl. Arnolds Ausg. der Zornſchen Chron. S. 61, 62.)

Dazu fügt die Flersheim'ſche Chronik folgende Erzählung:Es hat aber um dieſe Zeit ohngefähr ein ehrbarer rath auch ein gewaltig groß feſt ſteinern Haus in der Hahngaſſen**) kauft, zum zoll genannt. daſſelbig hat ein ehrengemeldter ehrbarer rath alsbald viel zierlicher und herr⸗ licher angefangen zu bauen, auch den bau, welcher ſie mehr denn in die 2000 mark gekoſtet, ſo ſtattlich hinausgeführt, daß am Rheinſtrom weit und breit kein ſchöner gewaltiger haus dann dieſes geweſen iſt. in demſelbigen hat ein rath hernach, des biſchofs ohngeachtet, rath gehalten und, was ſtadtſachen geweſen ſind, ohn jemands eintrag verrichtet. hinzwiſchen hat ſichs begeben, daß biſchof Heinrich ihm ein reis vornahm zu ziehen gen Ravennam in Welſchland und an kaiſer Friedrichs Hof, der denn daſelbſt hin ein Reichstag, wie wir jetzt reden, hatte ausgeſchrieben. und als er

*) Aus Zorns erweiterter Chronik.

**½) D. i. in der Hagengaſſe, der heutigen Ludwigsſtraße, vgl. Arnold, Verf.⸗Geſch. B. 2, S. 20.