Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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Wichtigkeit der Rachtungen für die Geſchichte des Jeſuitencollegs und des biſchöfl. Gymnaſiums. 3

die langwierigen Zwiſtigkeiten zwiſchen der Stadt und dem Bisthum in Betreff des Wormſer Jeſuiten⸗

collegiums und des im Jahre 1773 gegründeten fürſtbiſchöflichen katholiſchen Gymnaſiums, des ſog. Seminariums, weiſen auf die Verträge zurück, die in den Jahren 1366, 1386, 1407, 1424, 1509 und 1519 zwiſchen der Stadt und dem Bisthum vereinbart wurden. Es iſt alſo auch aus dieſem Grunde angemeſſen, die Geſchichte jener Zeit und den Inhalt jener Verträge hier zu erzählen. Die Zorn'ſche Chronik faßt am Ende der Erzählung über die Verfaſſungsſtreitigkeiten der Stadt den weſentlichſten Inhalt der Verträge oder Rachtungen zuſammen, die namentlich hinſichtlich der Beſetzung des Raths und des Gerichts der Stadt Worms und der Beſteuerung des Clerus in dem Zeitraume von 1233 bis 1526 vereinbart wurden.Dieweil dieſer rachtungen in 300 jahren mit großem nachtheil der ſtadt Worms etlich fürgenommen, will ich ſie kürzlich hinſetzen, ſagt der Chroniſt,damit man ſehe, wie von tag zu tag vermittelſt des ſchädlichen banns die geiſtlichen je länger je weiter gegriffen haben.(Zorns Chron., herausg. v. Arnold, S. 261.) Zur Ein⸗ leitung in die Erzählungen Zorns, die hier folgen, möge Arnolds Rückblick auf die freiheitliche Entwickelung der Stadt Worms unter den ſaliſchen und hohenſtaufiſchen Kaiſern dienen.*)

In raſchem Lauf war die Stadt Worms in dem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum von hundert Jahren, geſchützt und begünſtigt durch die ſaliſchen und hohenſtaufiſchen Kaiſer, aus einer von den Biſchöfen abhängigen Schutzgemeinde ein unabhängiger Freiſtaat geworden(11561220), welcher nun umgekehrt dem Klerus Schutz verleihen ſollte. Sie hatte wie kaum eine andre eine Fülle von Macht und Freiheit erlangt und den beſtimmten Charakter republikaniſcher Selbſtändigkeit angenommen.Die Civitas im weiteren Sinne beſteht aus Bürgern und Schutzgenoſſen. Die eigentliche Bürgerſchaft beſteht nur aus den dienſtmänniſchen und patriciſchen Geſchlechtern. Unter den Schutzgenoſſen bilden die Geiſtlichen einen privilegirten Stand, der zwar vom Stadtregiment ausgeſchloſſen, aber auch von der ſtädtiſchen Gerichtsbarkeit und von den ſtädtiſchen Laſten eximirt iſt. Alle übrigen weltlichen Einwohner dagegen ſind der Herrſchaft des Raths unterworfen und werden zu den ſtädtiſchen Abgaben, Leiſtungen und Dienſten herangezogen: ſie bilden die Be⸗ herrſchten, die Dienenden, wenn man will die Unterthanen. Denn die Verfaſſung iſt eine rein ariſtokratiſche. Doch nicht in der Weiſe, daß wenige Geſchlechter ausſchließlich im Beſitz der Herrſchaft geweſen wären. Vielmehr ruht die Gewalt dem Recht nach bei der Geſammtheit der Bürger. Die Ausübung kommt aber nur dem Rath zu, einem zwar aus der Geſammtheit hervor⸗ gegangenen, aber doch nicht von ihr abhängigen Ausſchuß.**) Der Rath leitete ſein Recht nicht von der Stadt ab, ſondern vom Kaiſer; ihm hatte Friedrich I. in dem Freiheitsbrief vom Jahr 1156 ſogleich die Gerichtsbarkeit übertragen:***) die Belehnung des Schultheißen ſollte das An⸗

*) Arnold, Verfaſſungsgeſchichte der deutſch. Freiſtädte im Anſchluß an die Verfaſſungsgeſch. der Stadt Worms, B. 1, S. 308311.

**) Derſelbe beſteht aus 12 ritterlichen Dienſtmannen und 28 Bürgern, die lebenslänglich im Amte bleiben und ſich durch Cooptation ergänzen: die vierzig Conſuln. r) Der Freiheitsbrief Friedrichs I., der ſich wohl erhalten mit noch anhängendem Siegel in dem Archiv zu Worms befindet, verleiht der Stadt Worms einen kaiſerlichen Frieden, folgenden Beſtimmungen gemäß:Devotionis civium Wormatiensium haud immemores pacem Imperialem eis tradidimus. Zur Hand⸗ habung dieſes Friedens, die gleichbedeutend mit der Handhabung des allgemeinen Rechtsſchutzes iſt, werden 40 Richter eingeſetzt:Ad confirmationem praedictae pacis ex mandato Imperiali XII Ministeriales Ecclesiae Wormatiensis et XXVIII Burgenses statuentur, qui de invasione laedentium et laesorum a testibus testimonium audiant, et secundum veritatem testium discernant, et si praedicti XL judices in aliquo discordaverint, standum erit judicio partis majoris. Daß dieſe Vierzig mit dem Rath identiſch ſind, geht daraus hervor, daß dieſelben in der Urkunde

geradezu auch als Rathsherrn(consiliarii) bezeichnet werden. So geht alſo die Gerichtsbarkeit in der Stadt, die 1*