Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte der Frei-und Reichsstadt Worms und der daselbst seit 1527 errichteten Höheren Schulen / Adalbert Becker
Entstehung
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2 Taktik des Wormſer Clerus im Kampfe gegen die Stadt. Bedeutung der Zorn'ſchen Chronik.

Wiederbelebung dieſer uralten und urſprünglichen chriſtlichen Erkenntniß nicht nur fruchtbaren Samen in das geiſtige und religiös⸗ſittliche Leben der Wormſer Bürgerſchaft einſenken, ſondern, wie allerwärts in Deutſchland, auch ſociale und politiſche Neugeſtaltungen hervorrufen. Als näm⸗ lich die Wormſer Bürgerſchaft erkannte, daß für ihr Seelenheil auch ohne Vermittelung der biſchöflichen Geiſtlichkeit von Gott wohl geſorgt werde, führte ſie den Proteſtantismus in ihrer Stadt ein; und ſie hatte nun nicht mehr zu fürchten, daß ihnen die Geiſtlichkeit durch Bann und Interdict ihre bürgerlichen Rechte abzutrotzen vermöge. Sollte aber der Bürgerſchaft durch die Reformation die geiſtige und politiſche Freiheit bewahrt werden, ſo mußte vor Allem auch die Erziehung der Jugend darnach geſtaltet werden. Auch die Gründung evangeliſcher Schulen, eines Gymnaſiums und einer ſog. deutſchen oder Elementarſchule, konnte nach der Einführung der Reformation in Worms nicht lange unterbleiben. Daß die Wormſer Bürgerſchaft faſt in der Nothwehr in dieſe Bahnen der Reformation der Kirche und Schule getrieben wurde, beweiſt die vorausgehende Geſchichte ihrer hartnäckigen Kämpfe gegen die Uebergriffe des Wormſer Bisthums und ſeiner Geſſtlichkeit.

M. Friedrich Zorn, Rector des Wormſer Gymnaſiums in den Jahren 15651610, hat in ſeiner Wormſer Chronik auf Grund der zuverläſſigſten Urkunden die Geſchichte der Stadt Worms bis in die Zeit der Entſtehung ſeines Gymnaſiums geſchrieben. Derſelbeiſt in Historiis ein erfahrener und gleich der Stadt allhie Magiſter in fürfallenden wichtigen Sachen ein anſchlagiger Mann und ein nützlicher Rathgeber geweſen, der einen guten Ausſchlag hat geben können, wie M. Andreas Wilk in der noch erhaltenen Grabrede rühmt, die er dem Rector Zorn am 9. October 1610 hielt.

Da Zorns Chronik in der Geſchichte der Stadt Worms und ihres Gymnaſiums eine her⸗ vorragende Stelle einnimmt und Zorns deutſche und kaiſertreue Geſinnung, wie auch deſſen Treue gegen die Stadt Worms, in der er geboren und erzogen wurde, in der Geſchichte des Wormſer Gymnaſiums nachgewieſen und geehrt werden müſſen, ſo mögen hier neben andren urkundlichen Angaben beſonders Stellen aus der Zornſchen Chronik jene Kämpfe zwiſchen der Stadt Worms und ihren Biſchöfen vergegenwärtigen, die der Einführung der Reformation und der Gründung des lutheriſchen Gymnaſiums in Worms vorausgingen und die Bahn brachen. In der Zorn'ſchen Chronik ſind verſchiedene Beſtandtheile zu unterſcheiden. Im Wormſer Archiv befindet ſich die urſprüngliche Chronik, woran Zorn mit eigner Hand bereits im J. 1565 oder 1566 ſchrieb. Dieſes Exemplar erzählt die Geſchichte der Stadt bis zum Jahr 1570, nennt auf dem Titelblatt als Verfaſſer Fridericum Zornium Vangionem, mit dem Datum: Anno 1570 den 12. augusti. Arnold bezeichnet dieſe Originalhandſchrift mit A. Wenn Zorn dieſelbe dem Magiſtrat zu Worms einhändigte, ſo behielt er ein zweites Exemplar dieſer urſprünglichen Chronik in ſeinen Händen; theils erweiterte er dasſelbe, theils wurden darin Erzählungen und kurze Angaben getilgt, die ſich in der Originalhandſchrift befinden. So entſtand eine erweiterte Zorn'ſche Chronik, die in vier Abſchriften des Wormſer Archivs und einer Handſchrift der Frankfurter Stadtbibliothek vor⸗ liegt. Dazu kommt endlich ein dritter Beſtandtheil: die Zuſätze des Franz Berthold von Flers⸗ heim, eines Zeitgenoſſen Zorns und Lehensträgers des Hochſtifts Worms. Die vorliegenden Bruchſtücke aus der Zorn'ſchen Chronik dienen nun nicht nur zur Einführung in die Zeit der Ent⸗ ſtehung des Wormſer Gymnaſiums und zur Characteriſirung Zorns. Um nänlich gewiſſe Streitigkeiten und Proceſſe zu verſtehen, die in dem Zeitraume von 1527 bis 1792 auf die höheren Schulen der Stadt Worms Bezug hatten, iſt es erforderlich, von gewiſſen Verfaſſungs⸗ und Rechtsverhältniſſen der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms zuvor Kenntniß zu nehmen. Insbeſondere