I. Kämpfe und Verträge zwiſchen der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms und dem Bisthum Worms bis zu der Einführung der Re⸗
formation Martin Luthers und der Gründung der lutheriſchen lateiniſchen Schule zu Worms,
dargeſtellt im Anſchluß an die Wormſer Chronik des Rectors M. Friedrich Jorn als Vorgeſchichte zur Entſtehung des reichsſtädtiſchen Gymnaſiums zu Worms.
Das lutheriſche Gyninaſium der Frei⸗ und Reichsſtadt Worms ſcheint im Jahre 1527 entſtanden zu ſein. Die frühzeitige Entſtehung dieſer Schule erklärt ſich beſonders aus der hoch⸗ bedeutſamen Geſchichte der inneren Entwickelung der Stadt Worms. Deshalb darf die Darſtellung der Geſchichte dieſer Anſtalt nicht unterlaſſen, auch der ihrer Gründung vorausgehenden ſtaatlichen und kirchlichen Beſtrebungen und Kämpfe der für ihre alten Rechte und Privilegien mit unbeug⸗ ſamer Ausdauer ringenden Stadt zu gedenken.
Vom Anfang des dreizehnten bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts kämpften Rath und Bürgerſchaft der Stadt Worms mit beſonderer Wachſamkeit und Feſtigkeit gegen alle Be⸗ ſtrebungen der Wormſer Biſchöfe und ihrer Geiſtlichkeit, durch welche die Stadt Worms allmählich zu einer biſchöflichen Reſidenzſtadt, wie das benachbarte Mainz, gemacht und die durch die Privilegien der deutſchen Kaiſer der Stadt gewährte freie Verfaſſung nach und nach vernichtet werden ſollte. In dieſen Kämpfen zwiſchen der Stadt und dem Bisthum war ein oft mit Erfolg angewandtes Mittel der Geiſtlichkeit die Verhängung des Banns und Interdicts über die dem Bisthum ſich nicht fügende Stadt. Wenn die Geiſtlichkeit Worms verließ, die frommen Gemüther in der Stadt des Troſtes der Religion entbehrten, wenn die Sacramente ruhten, Ehen nicht geſchloſſen, Verſtorbene nicht mit der Weihe der Religion zur ewigen Ruhe gebettet werden konnten: ſo führten häufig die zwiſchen Stadt und Bisthum entſtandenen Irrungen oder Zänkereien zu Verträgen, durch die die Stadt, wenn nicht freundlich geſinnte Kaiſer dem begangenen Unrechte der Vergewaltigung entgegentraten, in ihren wohl erworbenen Rechten durch die Geiſtlichkeit geſchädigt wurde. Als nun aber im Zeitalter der kirchlichen Reformation die bibliſche und evangeliſche Lehre von dem allgemeinen Prieſterthum aller von Gott ſelbſt zu ſeiner Kindſchaft berufenen Menſchen die Seelen erweckte und erquickte und neue Lebensformen in Familie, Geſellſchaft, Kirche und Staat hervorrief, mußte die
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