Aufsatz 
Studierende aus Alsfeld vor 1700 / von Karl Dotter
Entstehung
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2 Karl Dotter

Kraft hinzu. Im 17. Jahrhundert nahm die Schule einen mächtigen Auffchwung. Winckelmann, der bekannte hefſiſche Geſchichtsſchreiber, ſagt von derſelben ²):

Gleichwie die Einwohner jederzeit der Gottesfurcht, Ehr, Treu, Freygebigkeit und andern Tugenden ſich be- flieſſen, alſo haben ſie ihre Kinder auch fleiffig zum Studiren gehalten, maffen jederzeit allhier eine gar wolbeftelte Schule unterhalten worden; der eine Theil iſt im Jahre 1508, der ander im Jahr 1590, den 27. Julii erbaut, nach Aus- weife deren daran befindlichen Schrift. Aus dieſer Schule ſind viele hochgelahrte und trefliche Leut entſprofſſen.

Die Schule zeichnete sich 1644 ſo ſehr aus, daß ſie in ihren Leiſtungen fogar der Gießener Schule vorgezogen wurde. Das Ziel der Alsfelder Lateinſchule war die Vor- bereitung für die Prima des Pädagogiums; es kam ſogar gegen Ende des 17. Jahrhunderts vor, daß einzelne Schüler direkt zur Hochſchule übergehen konnten. Ein eigentliches Exemtionsrecht, d. h. die Befugnis ihre Schüler ohne weiteres der Univerfität zuweiſen zu können, beſaß die Als- felder Lateinſchule aber nicht. Im 18. Jahrhundert ging die Schule zurück; im Laufe des 19. Jahrhunderts friſtete ſie nur noch ein klägliches Daſein, bis ſie ſchließlich in die heutige Alsfelder Volksſchule überging. Eine ausführliche Geſchichte der Alsfelder Lateinſchule aus fachkundiger Feder iſt für das 50 jährige Jubiläum der Realſchule im Jahre 1911 bereits in Ausſicht genommen. Reiches Material dafür lagert in den Darmſtädter und Alsfelder Archiven.

Die vorliegende Arbeit wird für dielen Zweck einiges brauchbare Material bieten, zumal die Quellen über die Schul- verhältniffe im Mittelalter äußerst ſpärlich fließen. Neben dieſem Zweck wird die Zuſammenſtellung Alsfelder Studieren- der aber auch manchen Beitrag zur Orts- und Familien- geſchichte liefern. In letzterer Hinſicht iſt durch die Heraus- gabe der Alsfelder Bürgerliſten bereits reichlicher und wert- voller Stoff geliefert worden ³). Die Alsfelder Studenten- matrikeln follen dieſelben in anderer Richtung hin ergänzen und ſo für die Geſchichte der Vaterftadt und der engeren Heimat neues Material herbeibringen. Auch für die Beur- teilung des Bildungsdranges und Bildungsſtandes, lowie der Wohlhabenheit der Alsfelder Bürger in Mittelalter und Neuzeit mag die vorliegende Arbeit manchen Dienſt leiſten. Man kann wohl mit Recht behaupten, daß die Anzahl der Stu-

²) Johann Juft WinckelmannsGründliche und warhafte Beſchrei- bung der Fürftenthümer Heffen und Hersfeld. Bremen 1697. S. 203. ³) Alsfelder Bürgerliften, herausgegeben von Pfarrer Dr. Eduard Becker.