10
bei vorsichtiger Behandlung wohlgemeinten Vorstellungen leicht zugänglich. Eine gerade damals stark hervortre- tende Neigung zu allerhand Unarten scheint mehr auf Rechnung seiner Jahre als seiner Charaktereigenthümlich- keit zu setzen. Auch hinderte dies seinen Hofmeister nicht, wiederholt sein Vertrauen auf das gute Naturel seines Eleven auszusprechen. Aber diese gute Natur- anlage wurde öfters von Schwächen verdunkelt, welche damals zwar in ihren ersten Entwicklungsstadien einem oberflächlichen Beobachter von geringer Wichtigkeit er- scheinen konnten, dagegen von dem erfahrenen Päda- gogen in ihrer Bedeutung für das ganze Leben gewürdigt wurden. Der gemeinsame Boden, auf welchem sie er- wuchsen, war eine auf das Aeuszere, auf Prunk und Glanz gerichtete Gesinnung. Im einzelnen Falle zeigte sich diese als Eitelkeit, übertriebenes Bewusztsein von der eigenen Stellung im Zusammenhang mit geringschätzigem Benehmen gegen andere, dann wieder als auffallende Sucht die Manie- ren anderer zu copieren, Mangel an jeglicher Selbstständig- keit, eine während des Unterrichts vielfach mit Unruhe ver- bundene Zerstreutheit und Unlust an ernster geistiger Beschäf- tigung. Wir sehen, es sind dies zum Theil Fehler, zu welchen in der Regel Kinder aus höheren Ständen hinneigen; andere aber wurzeln offenbar in tieferem Grunde. Crousaz in der weisen Ueberzeugung von dem Unverstande derer, welche die Beseitigung solcher Schwächen der Zeit oder, wie sie oft sagen, dem mit den Jahren kommenden Verstande über- lassen wollen, suchte ihnen bei Zeiten den Weg zu verlegen. Für die stärkste Waffe gegen sie hielt er seine schon öfters erprobte Erziehungs- und Unterrichtsmethode, welche er selbst die socratische nennt. Bei ihrer Anwendung verfolgte er das Ziel, nicht nur den Geist durch Anregung der Selbst- thätigkeit für das Interesse an der Wissenschaft zu gewinnen, sondern auch in fortwährendem Verkehr auszer dem Unter- richt die Charakterentwicklung in den rechten Schranken


