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mit dem Menſchen daſſelbe thun würde, ſo würde ſeine Handlung doch keinem ſittlichen Urtheile unterliegen, und weder gut noch ſchlecht ſein, ſolange ihr die beiden formalen Elemente alles Ethiſchen fehlen, Selbſtbewußtſein und Zurechnungsfähigkeit. Es iſt zwar keineswegs wahr und der allein hier geltenden inneren Erfahrung entſprechend, daß die Tugend nach der Stärke der bloßen ſittlichen Reflexion, ja wohl gar der entgegenſtehenden Triebe, alſo der natürlichen Schlechtigkeit zu meſſen ſei; ſondern ein in dunkelem Drange recht handelnder, von Güte des Herzens gezwungener, von Großmuth beherrſchter Charakter, ein aus angeborner Hoheit der Geſinnung reiner, edler und gerechter, aus überſtrömender Fülle uneigennützigen Wohlwollens liebreich aufopfernder Menſch iſt unſtreitig für eine jede Seele ein Gegenſtand der Ehrfurcht und der Liebe, und das menſchliche Herz bewundert und verehret, um kühle Verſtandestheorien unbekümmert, zu allen Zeiten die tugenhaft hingebende Begeiſterung und ſittliche Leidenſchaft. Allein etwas anderes, allerdings Vernünftiges fordert ein Jeder von einer Handlung, die er ſeinem lobenden oder tadelnden ethiſchen Urtheile unterwerfen will; nämlich, nicht daß ſie von Vernunftprincipien, von bewußten, ſittlichen Begriffen ausgehe, wohl aber daß ſie ſelbſtbewußt, daß ſie durch ein von Bewußtſein begleitetes Wollen hervorgebracht ſei, auf welches die Beurtheilung ſich ganz eigentlich bezieht; und dieſes Selbſtbewußtſein iſt nur eine der Folgen jenes durch die Sprache herorgerufenen Vermögens, die Dinge, die Menſchen und darunter auch uns ſelbſt als Gegenſtände zu begreifen und gleichzeitig ſowohl wahrzunehmen als vorzuſtellen. Und was endlich hinzukommen muß, um die bewußte Handlung zurechnungsfähig werden zu laſſen, iſt Wahl durch Willensfreiheit, das iſt das Vermögen durch einen fremden Willen beſtimmt zu werden; wobei es ſowohl zur Wahrnehmung des fremden Willens, als zur Vergleichung mehrerer ſtreitenden, der Sprache und des Denkens offenbar bedarf ¹).
V.
Wer wäre je mit Geiger in nähere Berührung gekommen und hätte nicht von ihm gelernt! Wie das Lernen war ihm auch das Lehren von jeher ein Bedürfniß. Früh ſchon unterrichtete er ſeinen Bruder, dann kamen andere Schüler hinzu. Als er nach Beendigung ſeiner Univerſitäts⸗ ſtudien hierher zurückkehrte, lebte er zwar in völliger Zurückgezogenheit, es konnte aber doch nicht fehlen, daß man hie und da in gebildeten Kreiſen von ihm hörte und daß manche Familien nach dem Vorzug ſtrebten, ihre Söhne von ihm unterrichten zu laſſen. Nun drängten zwar ihn ſelbſt die äußeren Verhältniſſe zum Erwerb, es lag aber etwas in ihm, das taktvollen Menſchen über ein materielles Aequivalent für ſeinen Unterricht rückſichtsvolles Schweigen auferlegte. So blieb es zu⸗ meiſt eine Gunſt, Privatunterricht von ihm zu erlangen. Seine volle Freiheit mußte dabei immer gewahrt bleiben. Man durfte es mit ſeiner Pünktlichkeit nicht gar zu genau nehmen; dafür dehnte ſich die Lehrſtunde, ſeinen Schülern zum Gewinn, oft weit über das Maaß hinaus und fand meiſt nur in der Erſchöpfung der zu behandelnden Sache ihre Grenze. Dieſe Art des Unterrichtes führte bei begabten und wißbegierigen Schülern zu belehrenden Geſprächen und Spaziergängen, wo dann ſein Wiſſensſchatz und der Reichthum ſeines Gemüthes ſich erſchloſſen, und geſtaltete ſich zu einem freundſchaftlichen Verkehr, aus welchem Jünger und Meiſter theure Erinnerungen und einen Ge⸗
¹) Urſprung der Sprache und Vernunft S. 68 ff.


