Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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winn für das Leben davontrugen. Daneben ſchuf das Bedürfniß nach einer völlig freien Lehrthätig⸗ keit Vereinigungen, in denen Geiger Jahre lang an Sabbathen den Pentateuch mit dem Commen⸗ tar Raſchi's, dann auch Midraſch vortrug; etwas, das an eine altjüdiſche Sitte anknüpfte, nach welcher unabhängige, gelehrte Männer der Gemeinde Wißbegierige zu regelmäßigen Lehrſtunden zu vereinigen pflegten.

Es koſtete nicht wenig Mühe, Geiger zu bewegen, dem nach dem Tode J. M. Joſt's an ihn ergangenen Rufe, an unſere Schule zu folgen: er fürchtete, durch das Lehramt ſeine Studien, die er als ſeine eigentliche Lebensaufgabe betrachtete, allzuſehr benachtheiligen zu müſſen. Nachdem er aber einmal das Amt übernommen hatte, verſtand es ſich von ſelbſt, daß er es gewiſſenhaft und hin⸗ gebungsvoll verwaltete, daß er ſeine Pflichten nicht ängſtlich abgrenzte, ſondern das Ganze in's Auge faßte und die Intereſſen der Schule zu den ſeinigen machte.

Denkt man an die Richtung und den Umfang der Studien Geiger's, an ſeine Meiſterſchaft in der Handhabung des Wortes, an die Gewalt ſeiner Rede, ruft man ſich ihn in die Erinnerung zurück, wie er auf dem Katheder ſtehend, ganz auf den zu behandelnden Gegenſtand gerichtet, vor einem zahlreichen, gebildeten Kreiſe einen wiſſenſchaftlichen Vortrag hielt: eine ihrer Sache gewiſſe, in ſich ruhende Perſönlichkeit, die edle Erſcheinung eines wirklichen Gelehrten: ſo muß man ſagen, daß nur etwa der Lehrſtuhl einer Univerſität ihm einen entſprechenden Wirkungskreis geboten haben würde; den eben erſt'in das Jünglingsalter eintretenden Knaben, die er in unſerer Schule zu unter⸗ richten hatte, mußte, was ſeinen Geiſt unausgeſetzt beſchäftigte und ſeine Seele ganz erfüllte, billig fern bleiben. Aber der gelehrte Mann war in Wahrheit ein Freund der Jugend, er hatte früh begonnen und niemals ganz aufgehört, ſie zu unterrichten, und ſo ſah er ſie gern auch auf den Schulbänken vor ſich verſammelt und gewann nach und nach die Schulthätigkeit ſo lieb, daß er, zumal bei der großen Vorliebe, die er für ſeine Vaterſtadt hatte einem etwa an ihn er⸗ gangenen Rufe an eine Univerſität wohl ſchwerlich gefolgt wäre.

Geiger unterrichtete in unſerer Schule hauptſächlich Hebräiſch, bibliſche Geſchichte, Deutſch und mathematiſche Geographie. Der Schwerpunkt ſeines Unterrichtes war das Deutſche in den oberen Klaſſen. Für den grammatiſchen Theil dieſes Unterrichtes, ſowie für die mathematiſche Geographie hatte er ſich kurze Compendien ausgearbeitet, die er, nachdem er das Einzelne verdeutlicht hatte, den Schülern zu dictiren pflegte; er dachte daran, ſie als Manuſcript drucken zu laſſen. Mit ſeinen grammatiſchen Auseinanderſetzungen wandte er ſich mit großer Vorliebe an einzelne begabte Schüler; aber wie es ihm um die Förderung Aller zu thun war, ſo ließ er nicht ſelten Schüler zu ſich nach Hauſe kommen, um ihnen, was ihnen unklar geblieben war, zum Verſtändniß zu bringen. Wenn er, nachdem ein Drama geleſen und erklärt war, es unternahm, einen ganzen Akt mit dem von der Tiefe des Verſtändniſſes und der Empfindung durchgeiſtigten Wohllaut ſeiner Sprache ſelbſt vorzuleſen, ſo war das für ſeine Schüler eine Feſtſtunde. Die Themata zu den deutſchen Auf⸗ ſätzen waren von ihm oft über abſtracte Gegenſtände gewählt. Die Schüler ſahen ihn dann wohl ver⸗ blüfft an, wußten Anfangs nicht, was der gelehrte Mann wollte. Das forderte den Sokrates, der in ihm ſteckte, heraus: es begann ein Fragen und ein Arbeiten, daß es wieder für die begabten Schüler beſonders eine Luſt war, Auseinanderſetzungen folgten, die einen für die Zahl der jähr⸗ lich zu liefernden Aufſätze zu großen Raum einnahmen, die aber dann doch in umfangreichen, mit Liebe ausgearbeiteten, ſorgfältig abgeſchriebenen Aufſätzen ihren lohnenden Abſchluß fanden und den reichſten Segen brachten durch die Anregungen, welche die Schüler davontrugen.