Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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und ohne ſie, weſentlich von unſerem gegenwärtigen verſchieden ſein müßte; und darum kann, während wir Bedenken tragen, einer Thätigkeit der Vernunft bei der Herſtellung der Sprache einen beſtimmenden Einfluß zuzuſchreiben, doch eine Wechſelbeziehung zwiſchen beiden nicht geläugnet werden, da die Vernunft ohne die Sprache nicht vollſtändig und für die Herſtellung der Vernunft die Sprache nicht gleichgültig iſt ¹).

Die Iprache die Quelle der Vernunft. Die Sprache iſt Entwickelung, nicht Entartung; ſie beginnt nicht mit Reichthum, Mannigfaltigkeit und Vollkommenheit, ſondern mit dem geringfügigſten, unſcheinbarſten Beſitz. Ihr gebührt unter allen menſchlichen Geiſtesvermögen geſchichtlich der erſte Rang; ſie iſt die Quelle der Vernunft. Aus, an und in ihr hat ſich die Vernunft ſelbſt, nach den allenthalben im Univerſum herrſchenden Geſetzen der Cauſalität, langſam und naturgemäß ent⸗ wickelt. Sie ſelbſt aber, die Sprache, iſt nicht dem Ohre, dem Schalle, ſondern dem Auge und dem Licht entſprungen. Nicht das brüllende Thier war es, das, Benennung fordernd, dem Menſchen der Urzeit gegenübertrat, ſondern die Welt offenbarte ſich mit ihrem Reichthume an Geſtalten und Farben der allmählich zur Erfaſſung ihrer Schönheit heranreifenden Seele. War der Blitz des Himmels, war die aufbrechend ſich erſchließende Knospe für das Ohr der jugendlichen Menſch⸗ heit Exploſion? Nein, nicht von brüllenden Ungethümen aufgefangen, nicht von den Schreckniſſen einer in Schmetterlauten das Herz beſtürmenden Natur erzwungen, entſprang jene hohe, ſeelenvolle Schöpfung, der Stolz des Weltalls. In ihrem Leben und Wachſen iſt heiliger Friede, in ſtillem, geheimem Werden ſteigt der Saft bildend zu friſchen Augen empor, und mit jeder neuen Knospe entfaltet ein Gedanke ſein wunderbares Daſein ²)..

Denken und Sehen. Das Denken iſt in Wahrheit das zweite Geſicht, es iſt das Sehen des Ungeſehenen, des Unſichtbaren; es reicht ſoweit, als die der Sprache unterliegende Wahrnehmung ſich analogiſcherweiſe ausdehnt, und haftet auch als höchſte Speculation an der Wurzel des Ge⸗ ſichtsſinnes. Und ſo iſt es denn gewiß nicht zufällig, daß die lichteſte Klarheit des Denkens, daß ein neu auftretender Vernunftgebrauch, ein mit unglaublichem, für alle Erſcheinungen geöffnetem Scharfblick begierig auf die Beobachtung der Welt gerichteter Sinn, daß ein mit aller der Sicher⸗ heit, die im Allgemeinen dem Verſtande der Menſchen in praktiſchen Dingen wohl eigen zu ſein pflegt, wirkender Trieb reiner Erkenntniß bei eben jenem bewundernswerthen Volke ſich zuerſt und unvergleichlich entwickelt hat, das im Epos und Drama das menſchliche Handeln ſo vollendet und beſtimmt ergriff, dem die ſichtbare, vor allem die Menſchenſchönheit, ſoviel galt, und das die Ge⸗ ſtalt mit niemals wiedererſchienener Begabung ſchaute und bildete; dem Volke, das in ſeinen Goͤtterbildern(und wer weiß ob nicht in einzelnen hochentwickelten ſeiner lebendigen Häupter?) jenes höchſte Ideal der menſchlichen Geſichtsbildung erreichte, welche vielleicht ſelbſt nur das körperliche Gegenbild des geiſtigen, dem Geſichtsſinn gegen die niedrigeren eingeräumten Uebergewichtes iſt).

Rindervernunft. Man wird bei aufmerkſamerer Betrachtung finden, daß die Verwechſelung weiter greift, als man zunächſt glauben ſollte, daß namentlich auf unentwickelten Verſtandesſtufen überraſchende Verwechſelungen möglich ſind. Das Kind in dem Zeitpunkte, wo es eben ſprechen lernt, wo alſo der innere, ihm anentwickelte Sprachtrieb mit der Einwirkung ſeiner Umgebung

¹) Urſprung der Sprache und Vernunft S. 11 ff. ²) Urſprung der Sprache S. XXVIII f. 3) Urſprung der Sprache und Vernunft S. 77 ff.