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Die Sprache ein Naturproduct. Es iſt bekannt, daß nicht nur die Sprachen gebildeter Völker eine ſolche Künſtlichkeit und Geſetzmäßigkeit entwickeln, daß vielmehr im Gegentheile diejenigen der tiefer ſtehenden Menſchenſtämme, ſowie die des frühen Alterthums dieſe oft ganz beſonders aufzu⸗ weiſen haben. Während nun die Verbindung, welche zwiſchen der Sprache und dem Denken herrſcht, inſofern ſie Mittheilung des Gedachten möglich macht, auf den erſten Blick vielleicht noch ſo auf⸗ gefaßt werden konnte, als habe das Denken ſich dieſes Mittel geſchaffen, ſo iſt eine derartige An⸗ nahme in Beziehung auf die Geſetze des Sprachbaues ſchon darum ganz unmoͤglich, weil wir die Geſetze zum Theil erſt jetzt noch entdecken müſſen, und keinen Augenblick darüber im Zweifel ſchweben können, daß die etwaigen Erfinder der Dakotaſprache oder irgend einer andern überhaupt nicht im Stande geweſen ſind, etwas dergleichen wie eine Sprachregel auch nur zu denken, geſchweige ſich darüber zu verſtändigen. Der Sprache muß alſo, hierüber iſt kein Zweifel möglich, Regel und Geſetzmäßig⸗ keit nicht inſofern eigen ſein, als ſie Kunſt und Verſtandeswerk, ſondern inſofern ſie Naturproduct iſt; ſie muß die Vollkommenheit ihrer Organiſation ebenſo ohne menſchliches Zuthun und Bewußt⸗ ſein erlangt haben, wie irgend eines der lebendigen Meiſterwerke der körperlichen Welt, welche ja eben um ſo vortrefflicher erſcheinen, je weniger ein menſchlicher Verſtand bei ihrem Hervortreten als wirkſam gedacht werden kann. Und wirklich empfangen wir unmittelbar den Eindruck, daß die Sprache noch in jedem gegenwärtigen Augenblicke in aller ihrer Vollendung unbewußt durch uns zur An⸗ wendung gelangt, wenn wir Menſchen der geringſten Geiſtesgaben und vielleicht nicht einmal der vernünftigen Ausführung eines fremden Auftrags fähig, doch die kunſt⸗ und wundervolle Arbeit des Sprechens mit ſo vieler Fertigkeit zu Stande bringen ſehen, wie ein Thier die ſeiner Gattung eigenen Töne, oder wie ſie ſelbſt die an mechaniſchen Kunſtleiſtungen ebenfalls höchſt reiche Thätig⸗ keit ihrer Ernährung ¹).
Sprache und Vernunft. Niemand kann zweifelhaft ſein, daß die Sprache für die Gedanken ein wunderbar ſchmiegſames Gewand, ein unübertrefflich geeignetes Werkzeug iſt. Man bedenke nur, welch einer That des in die Tiefe der Erſcheinungen eindringenden Verſtandes das Wort weil entſpricht; und in welche Feinheit logiſcher Unterſcheidung die Sprache dem Denken zu folgen vermag, wenn wir innerhalb des Warum das Wozu dem Wieſo entgegenſtellen. Wie es um die Vernunft beſtellt geweſen ſein möge, ehe ihr dieſes lebendige Kleid der Sprache erwachſen war, ob wohl jemals die Menſchen denkend, aber ſtumm, neben einander gewandelt ſein mögen, bis die Entſtehung der Sprache ihr lautlos ungeſelliges Daſein veränderte, und ihr Inneres ihren gegen⸗ ſeitigen Blicken erſchloß? Dies iſt ein Gedanke, welcher ſchwindeln macht. Wie unmöglich iſt es nicht ſchon, den Begriff einer beſtimmten Zahl ohne Zahlworte ſich vorzuſtellen, und wie oft tritt nicht auf den verſchiedenſten Gebieten eine größere Klarheit des Denkens plötzlich mit einem glücklich geſprochenen Worte ein! Ja es bedarf nur einer geringen Beobachtung unſerer ſelbſt, um uns zu überzeugen, daß nicht nur je beſtimmter, ſondern auch je lebhafter wir denken, um ſo mehr wir nur durch Worte denken, welche bei großer Aufregung oder ſonſt ver⸗ minderter Selbſtbeherrſchung, ſogar hörbar geſprochen werden, ſo daß unſer heutiges Denken nichts als leiſes Sprechen, ein Sprechen mit oder in uns ſelber iſt. Die Sprache hat alſo jeden⸗ falls das Denken ſo ſehr durchdrungen und eine ſo innige Verbindung aller ihrer Theile mit ihm eingegangen, daß ein aus dieſer Verbindung gelöſtes Denken, ein Denken vor der Sprache
¹) Daſelbſt S. 8 und 9.


