Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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Einige Aphorismen, die hier folgen, vermögen nicht, Geiger's Grundanſichten zu vergegenwärtigen, noch viel weniger ein Bild ſeiner Einzelforſchungen, wohl aber dürften ſie geeignet ſein, von dem Gedanken⸗ reichthum, der Sprache und Haltung ſeiner bisher veröffentlichten Schriften einen Begriff zu geben.

Das Benken. Das Denken, deſſen ſich der Menſch als einer räthſelhaften, ihm allein von allen ihm bekannten Weſen zugefallenen Gabe, wie der ihm angeborenen Organe, mit einer Art von ihm ſelbſt verborgener Weisheit fortwährend bedient, tritt uns aus der unendlich wunderbaren Erſchei⸗ nung lebendiger Mechanismen als das Wunderbarſte und Vollkommenſte entgegen. Denn wenn wir den Bau der Organismen um ſo erſtaunlicher finden, je mehr durch eine Reihe kleiner, dem An⸗ ſcheine nach weiſe in einander gefügter Mittel bedeutende Wirkungen für ihr Beſtehen oder die Voll⸗ kommenheit ihres Daſeins erfolgen; wenn es eine hohe Verwunderung erweckt, ein Thier von Natur mit den ſeiner Lebensweiſe angemeſſenen Werkzeugen und Waffen gegen ſeine Feinde begabt zu ſehen; wenn uns ein Gefühl der Verehrung jener Zweckmäßigkeit gegenüber ergreift, mit welcher die ge⸗ heimnißvolle Kraft des Triebes ein lebendiges Weſen alle ſeine Theile nicht nur auf ſeine eigene Erhaltung, ſondern auch auf die des noch ungeborenen Geſchlechtes verwenden läßt; ſo iſt gewiß ſchon in dieſer Hinſicht das Denken bewundernswerther als alles. Denn es iſt dem Menſchen alles dies zugleich: Werkzeug, gleich den raſcheſten thieriſchen zum Laufe auf der Erde, Floſſe in dem Meere, Flügel in der Luft; Waffe gegen die verſchiedenſten und ſtärkſten Weſen, Schutz ſelbſt gegen übermächtige Kräfte der Natur; es verleiht ihm Wahrnehmung des in Raum und Zeit Entfernten, Vorausſicht und Erinnerung, und durch alles dieſes nicht nur eine Herrſchaft über das Lebendige und Todte und eine mächtige Wirkung aus der Ferne zur Beförderung ſeines Daſeins, ſondern ſelbſt Wünſche und Zwecke außer dieſem, und eine Gewalt über ſeinen eigenen Bau, bis zu der Möglichkeit, ihn durch die Mittel ſeiner Erhaltung willkürlich zu zerſtören.

Aber es giebt noch eine andere und vielleicht noch wichtigere Seite, von der aus das Denken unſere Aufmerkſamkeit und unſere Bewunderung in Anſpruch nimmt, indem es von allen ſeinen äußerlichen Wirkungen und Erfolgen für den Organismus abgeſehen, in das Innere der Welt und in den verborgenen Zuſammenhang der Dinge dringt und eine von allen anderen auf der Erde ſehr verſchiedene Kraft in dem Menſchen ganz allein bewirkt, nämlich Erkenntniß. Während der den Inſtinct erſetzende, die thieriſche Klugheit überbietende Menſchenverſtand als ein ebenſo nützliches wie künſtliches Werkzeug betrachtet werden kann, ſo ſehen wir in der Erkenntniß eine Art von zweck⸗ loſem Kunſtwerk in der Natur entſtehen; wir ſehen in dem Haupte eines Menſchen die Welt in ihren Tiefen und das Geheimniß ihrer Gründe, ſei es abgeſpiegelt, ſei es vorgebildet; wir ſehen ihn durch eine Harmonie der Verkettung der Urſachen und Wirkungen in ihm und außer ihm ſogar das niemals Wahrgenommene aus ſich ſelbſt erſchließen, das der Erfahrung Zugängliche vor der Erfahrung vorausſetzen und entſcheiden, und über ſie hinaus in die Seele der Geſchöpfe und in den Mittelpunkt des Weltalls blicken; ja endlich von ſich ſelbſt befreit, ſich den ihm fremden Gegen⸗ ſtänden gleichſetzen und wie ein Zuſchauer und Betrachter des Spieles ſeiner eigenen Thätigkeiten und Gedanken vor ſich ſtehen ¹).

¹) Urſprung der menſchlichen Sprache und Vernunft. I, 1 ff.