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er einen allgemeinen Satz über die Sprache behauptete, dies nur geſchah auf Grund zahlreicher, nach allen Seiten durchdachter Fälle.— In unſerem Zeitalter der Eiſenbahnen und Telegraphen iſt das nonum prematur in annum ein doch nur höchſt ſelten beachtetes Gebot. Wenn man nun billig darüber ſtaunt, daß Geiger weit über dieſe Zeit hinaus mit der Veroͤffentlichung ſeiner Arbeiten zögerte, ſo lag der Grund dafür in der Rieſenarbeit, welche die Durchführung und Ausbildung ſeiner Anſchauungen erforderte und in ſeinem Streben, möglichſt vollendet vor die Oeffentlichkeit zu treten. Als dann im Jahre 1859 die Verlagshandlung unter Angabe eines Grundes, den Geiger für einen Vorwand halten mochte, ihm ſeine Arbeit zurückſchickte, entmuthigte ihn das keineswegs: er war ſeiner Sache gewiß und niemals geneigt, den Maßſtab für ſeine Leiſtungen von außen her zu empfangen. Lange Jahre hindurch gewohnt, ungekannt und darum unbeachtet von der Welt, ein⸗ ſam immer weiter und tiefer in ſeiner Wiſſenſchaft vorzudringen, war es ihm ſchließlich kaum mehr ein Opfer, in der Verborgenheit zu bleiben, ja, wenn die Verzögerung der Publikation ſeiner Ar⸗ beiten dieſen eine größere Vollkommenheit eintrug, ſah er ſogar einen Gewinn darin, nicht blos für die Sache der Wahrheit, ſondern auch für ſeinen Ehrgeiz, der mehr auf Nachruhm, als auf den Beifall ſeiner Zeitgenoſſen gerichtet war.„Wie heiß“, ſchreibt er im Jahre 1859 einem Freunde,„wünſchte ich (wenn einer an Erfahrung geknüpften Anſchauung ein ſo vollkommener Abſchluß nicht verſagt wäre), vollendet und nach meinem Leben aufzutreten! Auf Kämpfe freue ich mich nicht, denn die Wahr⸗ heit iſt zu gut für ſie— außer um der warmen Seelen willen, welche ihr auch dann noch treu ſein werden und vielleicht auch mir; meine Hoffnungen aber waren niemals auf einen Zeitraum ge⸗ richtet, der, um Gegenwart zu ſein zu groß, um Zukunft, viel zu klein iſt.“— Bei einer ſolchen Stimmung koſtete es Mühe, Geiger zu bewegen, an die Oeffentlichkeit zu treten. Als aber 1868. endlich doch der erſte Band ſeines Hauptwerkes erſchien, erkannten Alle, welche ſich ernſtlich Mühe gaben, in daſſelbe einzudringen, daß es ſich um eine literariſche Erſcheinung der ungewöhnlichſten Art handle und ein ſo tiefer Kenner und unbeſtechlicher Richter wie H. Steinthal, äußerte ſich, bei allem Gegenſatz ſelbſt in vielen Grundanſchauungen, in Worten, aus denen man Staunen und Be⸗ wunderung heraushört.„Der Verfaſſer“, ſagt er,„tritt zum erſten Male auf, aber nicht mit einer Jugendarbeit, ſondern eher mit einem Lebenswerk. Er beſitzt eine ſo umfaſſende und dabei gründ⸗ liche Sprachkenntniß, wie nur wenige Sprachforſcher; übertreffen wird ihn in dieſer Beziehung wohl Niemand. Ja, ich bin geneigt, ihn den gelehrteſten Sprachforſcher unſerer Zeit zu nennen. Und eine Dialektik begegnet uns in ihm von einer Gewalt und Selbſtändigkeit, wie wir ſie ſeit Wilhelm von Humboldt nirgends angetroffen haben. Von der Naturwiſſenſchaft zeigt er ſo viel Kenntniß, wie viel⸗ leicht der Hochgebildete haben muß, wie aber thatſächlich nur Wenige, die nicht Naturforſcher ſind, ſich erworben haben; vielleicht, ich kann es nicht beſtimmt ſagen, reicht ſein Wiſſen auch hier ſogar noch weiter an das des Fachmannes heran ¹).“
Es iſt hier nicht der Ort, noch wäre es mein Beruf, auf eine Würdigung der wiſſenſchaft⸗ lichen Leiſtungen Geiger's einzugehen²), aber die Bemerkung mag doch geſtattet ſein, daß auch dem den Sprachſtudien fern Stehenden, der mit wiſſenſchaftlichem Sinn ſich in ſeine Arbeiten vertieft, die Ueberzeugung ſich aufdrängt, daß in Geiger ein Mehrer des Reiches der Wiſſenfchaft erſtanden iſt.
¹) Steinthal, in der Zeitſchrift für Völkerpſychologie und Sprachwiſſenſchaft. Bd. VI, S. 466. ¹) Ich verweiſe deshalb auf eine eben erſchienene kleine Schrift meines geehrten Collegen Peſchier: Lazarus Geiger. Sein Leben und Denken von Eugene Peſchier. Frankfurt a. M. 1871. Auffarth.


