Aufsatz 
Zur Erinnerung an Lazarus Geiger / von Hermann Baerwald
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ſetzung als Grund und Wurzel ihres Daſeins, ſie gar nicht lebensfähig wäre. Die Kritik der Ver⸗ nunft iſt unmöglich, die Logik bloße Formel, die Metaphyſik haltlos, wenn ſie nicht auf dieſem ge⸗ ſchichtlichen Boden, auf der erfahrungsmäßigen Kenntniß von dem Werden der Vernunft in einer vormenſchlichen Urzeit und ihrer Entwickelung bis zu ihrer gegenwärtig uns bekannten Höhe ruhen ¹).

Der Erhabenheit ſeiner Aufgabe entſprach das Genie Geiger's und ſeine beiſpielloſe Hin⸗ gabe an die Wiſſenſchaft. Er verließ im Auguſt 1850 die Univerſität, ohne einen akademiſchen Grad zu erwerben, kehrte in das Elternhaus zurück und lebte hier in den beſcheidenſten Verhältniſſen dem Forſchen und Nachdenken über die höchſten Dinge. Auf ſich ſelbſt angewieſen, ohne den Verkehr mit ebenbürtigen, gleichſtrebenden Genoſſen, fuhr der einſame Forſcher raſtlos fort den Geiſt der Völker, wie er ſich kund giebt in Sprache und Literatur, in den Schöpfungen der Kunſt und Dichtung, in ihren Sitten, in der Geſtaltung ihres geſellſchaftlichen und ſtaatlichen Lebens zu befragen: keine ſein Gebiet berührende bedeutende neue Erſcheinung der Literatur ließ er dauernd unbeachtet, jedes von kühnen Rei⸗ ſenden einem fernen Volksſtamme abgelauſchte oder aus Trümmern einer untergegangenen Sprache ver⸗ einzelt erhaltene Wort hatte Reiz und Jutereſſe für ihn, nichts Menſchliches blieb ihm fremd ²): in der Einſamkeit ſeines engen Studierzimmers umfaßte er mit ſeinem Geiſte die Welt, verfolgte das Werden und Wachſen des menſchlichen Geiſtes durch alle Räume und Zeiten. Zwanzig Jahre lang arbeitete er ſo. Außer ſeinen ſprachwiſſenſchaftlichen Werken hatte er eine Geſchichte der Religionen zu ſchreiben begonnen ³), eine Ethik hatte er bereits concipirt; vor nun einem Jahre ſprach er mir von einem Buch über die Republik, das er zu ſchreiben gedenke; in ſeinem Nachlaſſe finden ſich eine Reihe von Ueber⸗ ſetzungen, aus den Veden, dem Midraſch, dem Talmud, den Werken des Maimonides, poetiſcher Stücke aus den Gebeten der Irraeliten, auch eigene Dichtungen, darunter ein zum Theil ausgearbeitetes Drama: alle aber, ſowohl die Ueberſetzungen als auch die eigenen Dichtungen ſtehen durch ihren Inhalt in tiefem Zuſammenhang mit ſeinen Studien.

Ueber ſolche Beſchäftigungen vergaß er, was ſonſt doch auch hochſtrebenden Menſchen wünſchens⸗ werth bleibt: irdiſche Güter waren ihm gleichgiltig, er ſuchte kein Amt, keine Stellung, keinen äußern Rang; der kleinen Sorgen des Lebens überhob ihn die ihn ſtets umgebende Sorgfalt ſeiner von ihm über Alles verehrten Mutter; er bewegte ſich auf den Höhen des Lebens:

Und hinter ihm, im weſenloſen Scheine Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine!

Die Einleitung zu ſeinem Hauptwerke war 1852 im Entwurf beendigt, er zögerte aber mit dieſer, wie wir jetzt ſehen), an neuen Gedanken reichen Arbeit vor Beendigung der Einzelforſchungen hervorzu⸗ treten: er war von der peinlichſten Gewiſſenhaftigkeit; für diejenigen, die im Leben wiſſenſchaftlich mit ihm verkehrten, bedurfte es der Verſicherung nicht, die er in einer Vorrede ausſpricht, daß, wo

¹) Urſprung der Sprache S. 197 ff. und L. Geiger, Ueber Umfang und Quelle der erfahrungsfreien Erkenntniß, Frankfurt a. M. 1865. F. B. Auffarth S. IV f. Es iſt keine Anticipation, wenn ich dies Alles ſchon den zwanzigjäh⸗ rigen jungen Mann denken laſſe:Es waren eben, wie er ſelbſt in der, ſeinem Hauptwerke vorgedruckten Widmung ſeinem Freunde Neubürgerſagte:lange gehegte Gedanken, die er da dem Urtheile der Oeffentlichkeit an⸗ heim gab,Gedanken, an die ſich die theuerſten Erinnerungen der Jugend nicht weniger als ihre Hoffnungen knüpften.

²) Urſprung der menſchlichen Sprache und Vernunft. S. XI.

³) Im Zuſammenhange damit ſteht wohl eine Abhandlung über das Judenthum, die ſich in ſeinem Nach⸗ laſſe faſt vollſtändig findet und deren Entwurf in der Beilage abgedruckt iſt.

) Vergl. Urſprung der menſchlichen Sprache und Vernunft. S. 3 88.

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